Willi Achten malt einen Roman, einen Roman mit düsteren Farben. Stark ist die Sprache, die er detailgenau verwendet, stark ist der Einstieg, der Beklemmung hervorruft. Und doch frage ich mich am Ende, ob „nichts bleibt“.


Mit diesem Zitat

Vor den Menschen, vor ihnen muss man Angst haben, immer.“
Louis-Ferdinand Céline, „Reise ans Ende der Nacht“

fängt das Buch an und verspricht eine Geschichte, die von bösen, bösen Menschen handelt. Was sie auch hält.

W

ie ein Maler schwingt Achten den Wortpinsel. Hier eine Landschaftsbeschreibung, detailreich, von Flusslandschaften, Birken, Weiden und Buchen ist die Rede, von Ästen, die über Dachfenster flirren, das Rufen der Käuze und das Rauschen von Wind beleben die malerische Begegnung der ersten Seiten. Das Bellen eines Hundes reißt den Leser aus der Ruhe.

Dort zwischen Nachtnebel, Tümpeln, Mücken und Kröten das Glimmen von Zigaretten, ein Schuss, ein sehr naher Schuss.

Am Rand des Schilfs lag ein Reh. Es blutete aus einer Wunde am Bauch. Das Blut floss schnell. Ich sah die Angst in den Augen. … Ein Kitz lag an seiner Flanke. Es war keine Woche alt. Sein Schädel war eingeschlagen. Ich kehrte um, schnappte mir einen Eichenstecken.
Gekürztes Zitat aus dem Buch, S. 11

Als hätte der Maler gekleckst, kommt Unruhe in das Bild. Wie rote Farbe, die das schöne Bild überdeckt, bellt der Hund nicht mehr, er robbt, blutet die Seite voll. Aus der malerischen Idylle ist ein tierischer Kriegsschauplatz geworden, den böse Menschen erschaffen haben.

Mit Kriegsbildern kennt er sich aus, der Ich-Erzähler, Franz Mathys. Immer wieder wird es düster. Die Farben wechseln, werden unruhig, überlebte Folterszenen aus Srebrenica lösen Steinigungen aus Somalia ab.
Dazwischen Erinnerungen an Familienbilder. Der Junge, der längst fort ist, der Junge mit den Tauben, der Vater mit den Tauben. Wie Friedenstauben denkt man sich, an einem Ort an dem Mathys den Schrecken der Kriege beruhigen kann. Ein Ort, an dem Tauben tatsächlich Frieden bringen. Bis sie weg sind, weg müssen, bis auch der Junge weg muss, bis aus dem inneren Frieden Krieg wird.

Doch das Bild der Ruhe hat sich gewandelt. Beklemmend und düster wirkt es auf den Leser, das tote Reh, der sterbende Hund. Als wären diese Kleckse nicht schon genug, wird der Farbeimer darüber gekippt: Mathys Vater wird beinahe erschlagen, er stirbt.

Schwarz. Schwarz ist die Farbe bei diesem Schnitt. Und doch geht es weiter, weiter zum Eingangszitat. Oder zurück, wie auch Erinnerungen immer wieder zurückkehren.
Rache. Wut.
Wut. Rache.
Rot löst das Schwarz ab, Mathys sinnt auf Rache. Er kann den Tod des Vaters nicht ungesühnt lassen. Mit Noeten hat er einen Helfer an seiner Seite, der schon zweimal im Knast war, der keine Menschen mag, dafür aber die Tiere. Die Tiere liebt er.
Zwei raue Kerle, die nur eines wollen. Die Tierquäler bestrafen. Den Tod von Mathys Vater rächen. Egal, um welchen Preis. Preise zählen ohnehin nichts, wenn man vermeintlich alles verloren hat, wenn ohnehin „nichts bleibt“.


Willi Achten ist kein Maler, aber ein malerischer Dichter und Erzähler. Mit Worten schwingt er eine düstere Geschichte auf die Leinwand, die bis zur Hälfte wirklich gut zu lesen ist. Man steckt fest in Beklemmung, in einer Welt, in der vermeintlich gute Absichten böse Folgen haben. In der es trotz den stärksten antreibenden Gefühlen – Wut, Hass – erstaunlich wenig zu fühlen gibt, weil schöne Worte, eine malerische Sprache, zwar schön anzusehen sind, aber eben nur Randgefühle herbeirufen. Der Anfang, ja, der ist düster und beklemmend, der Rest dann aber mit einem etwas faden Beigeschmack, weil einfach Langeweile aufkommt.
„Nichts bleibt“ ist klar ein Kunstwerk, ein schönes sprachliches Bildnis einer düsteren, bedrückenden Welt, doch ich fürchte am Ende: Nichts davon bleibt.

Fazit

Willi Achten ist Lyriker und das merkt man. Detailreich malt er Landschaften wie auf einem Gemälde, zeichnet durch Erinnerungen Figuren, die erlebt haben und erleben, dass Leben leidet. Düster und stark ist der Anfang, doch leider auch etwas langatmig ab ca. der Mitte. Für plotorientierte Leser sicherlich das falsche Buch, für dichterische Sprachliebhaber genau das richtige.
Mit „Nichts bleibt“ hat er ein sprachliches Kunstwerk geschaffen, das ich als Leser gerne ansehe, betrachte, doch dann leider weitergehe, ohne es mit nach Hause nehmen zu wollen.

Ein Roman wie ein Gemälde. Nur mit düsteren Farben.

Bewertung: 3 von 5 Lesebrillen!

Willi Achten: Nichts bleibt
Willi Achten: Nichts bleibt
Bibliografische Angaben:
NICHTS BLEIBT | WILLI ACHTEN
Erschienen am 10.02.2017 im Pendragon Verlag ⇔
Aus dem Deutschen
Einzelband
ISBN: 978-3-86532-568-6
464 Seiten


Die Leserin

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7 Kommentare

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  • Liebe Iris,

    bevor ich dein abschließendes Zitat las dachte ich, der Autor malt ein düsteres Gemälde. Schade, dass er mit seinen literarisch gut wohlgewählten Worten nicht auch eine anspruchsvolle Geschichte schreibt, die ebenso zu einem Gemälde wird.

    Nur düster, nein danke und Langeweile, auf keinen Fall.

    Tolle Rezension, liebe Iris.

    Liebe Grüße

    Anja

    • Hallo Anja,
      ui, ich sehe schon, ich muss meine Rezensionen etwas direkter schreiben. 😁 Umso wichtiger finde ich die Rückmeldungen. Danke dir!

      Ich mag seine Sprache, seine Beschreibungen, seine Rückblenden, aber ich bin auch jemand, der sich schnell mal langweilt. Und über 400 Seiten waren mir dann doch etwas zu viel, so dass mir beim Lesen fad wurde. Aber zum Glück gibt es ja Leser, die seine sprachliche Stärke bis zum Schluss genießen können.

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Der nächste fällt etwas weniger „blumig“ aus, ich übe noch :-). Liebe Grüße, Iris

    • Nein, liebe Iris, dass hast du falsch verstanden. Ich meinte es so, dass ich durch deine Beschreibungen an ein Gemälde dachte, dass der Autor dem Leser zaubert und dann schreibst du von Gemälde, wie witzig. Ich habe dich gut verstanden und ich liebe deine pfiffigen Beschreibungen und Vergleiche.

      Mach es dir noch gemütlich!

      Liebste Grüße

      Anja

    • Oh! Ich sollte wohl nicht mehr abends auf Kommentare antworten. Aufnahmedefizitstörung oder so. Danke für die Rückrückmeldung, ich habe das total falsch verstanden. Sorry!

  • Ich hatte das Buch schon auf meiner Liste stehn, aber irgendwie ist das Büchlein grad dezent nach hinten gerutscht. Glaub hier muss man wirklich die Muse haben und sich auf das „Kunstwerk“ einlassen können 😉

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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