Eine Geschichte, die zeigt, wie aus kleinen unschuldigen Pierrots, Nazihelfer wie Peter werden. Das wohl wichtigste Buch aus diesem Jahr. Denn Boyne versteht es, den Zweiten Weltkrieg begreifbar zu machen. Und das verpackt in einer Geschichte, die einem kaum noch loslässt. Must-Read!


K

inder kommen bekanntlich unschuldig auf die Welt, so wie weiße Blätter, die erst beschrieben werden müssen. Manchmal hat das Kind Glück und wird mit vielen guten Seiten gefüllt, und manchmal eben nicht.

Pierrot Weber hat Glück. Und auch nicht. Er wächst in Frankreich auf, lernt von seinem Vater Deutsch, mit seinem tauben, jüdischen Freund Anshel Gebärdensprache. Doch sein Vater versucht die dunklen Wolken, die er vom Ersten Weltkrieg mitgenommen hat, mit Trinkerei zu verdrängen, streitet mit Pierrots Mutter und macht 1933 familiäre Fahnenflucht. Da war Pierrot vier Jahre alt. Seitdem beschreibt nur seine Mutter Pierrots weiße Seiten.

Obwohl Pierrot Webers Vater nicht im Weltkrieg gestorben war, behauptete seine Mutter Emilie immer, der Krieg hätte ihn umgebracht.
Zitat, Seite 9 aus dem Buch, erster Satz

Die Seiten des Kindes füllen sich. Mit taubstummengerechten Hundezeichen und Zeichen des Fuchses, mit Geschichten, die Anshel schreibt, mit Fußball und Büchern.

„Eines Tages werden wir uns zurückholen, was uns gehört“, sagte er und sah dem Jungen tief in die Augen. „Und wenn es so weit ist, denk daran, auf welcher Seite du stehst. Du magst in Frankreich geboren sein und in Paris leben, aber du bist durch und durch Deutscher, genau wie ich. Vergiss das nicht, Pierrot.“
Zitat, Seite 14 aus dem Buch

Manchmal gelingt es dem Leben, die schlechten Seiten durch gute zu ersetzen. Manchmal gelingt dies nicht und zurück bleiben Seiten aus einem anderen Leben. Aus dem Leben des Vaters, der die Albträume des Krieges hasst, der aber auch nicht seinen Standpunkt ändern kann. Auch nach Jahren nicht:

„Was hast du getan?“
Papa reagierte mit einem traurigen Lächeln.
„Was auch immer ich getan habe, habe ich für mein Land getan“, antworte er. „Das kannst du doch verstehen?“
Zitat, Seite 17 aus dem Buch

Als 1936 Pierrots Mutter stirbt, ändert sich sein Leben dramatisch. Ist er bis dahin noch relativ gut zurechtgekommen mit seinen beschriebenen Seiten, so werden diese nun alle überschrieben.
Der Junge landet schließlich in Salzburg. In einer Zeit, in der Hitler regiert, in der Leute lernen, Befehle zu erfüllen, in der schon die Hitlerjugend Macht ausstrahlt. Und diese Macht zieht unbeschriebene Seiten an. Seiten wollen gefüllt werden, so ist das im Leben.


Als Leser verfolgt man entsetzt, wie aus kleinen weißen Blättern, Seiten der dunkelsten Sorte werden. Wie aus unschuldigen kleinen Jungen, gehorsame Soldaten anerzogen werden. Wie leicht das ist, wie selbstständig aus guten Menschen böse werden.
Als Leser verfolgt man noch entsetzter, wie wenig andere Menschen etwas ausrichten können, die eigentlich in all dem Entsetzen Mensch geblieben sind. Die ihre Seiten nicht umschreiben haben lassen, sondern vorübergehend still legen. Wie schnell sie verfolgt, deportiert, getötet werden. Wie wenig man gegen das Böse ausrichten kann.

Es ist ein Buch aus dem Leben. Aus einer – zum Glück – vergangenen Zeit, die sich hoffentlich niemals wiederholen wird. Ein Buch aus dem Leben der wohl dunkelsten Seiten unserer Weltgeschichte. Ein Buch, das nachdenklich macht, das einem mit Entsetzen zurücklässt, Traurigkeit aufkommen lässt, und erst – wenn alles zu spät ist – einem das ganze Ausmaß klar werden lässt.

Auch wenn „Der Junge vom Berg“ nicht so emotional zu lesen ist wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“, ist es wohl eines der wichtigsten Bücher, das geschrieben wurde. Denn diese Seiten gehören gelesen, über diese Seiten gehört diskutiert, nachgedacht, reflektiert. Nur dann können wir dafür sorgen, dass die Seiten nicht noch einmal in der Weltgeschichte geschrieben werden. Sonst belassen wir sie lieber weiß und unschuldig.

Fazit

Wie aus unschuldigen Kindern Nazihelfer werden. John Boyne ist Meister darin, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges anschaulich, überzeugend und emotional dem Leser näher zu bringen. Wie schon in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ lässt der Autor in „Der Junge auf dem Berg“ den Leser den Zweiten Weltkrieg als Beobachter gnadenlos miterleben. Der Leser verfolgt hautnah die Wandlung vom unschuldigen Kind Pierrot zum Nazihelfer Peter.
Zurück bleibt ein bedrückendes Gefühl. Denn fängt die Spirale erst einmal zu drehen an, ist sie kaum mehr aufzuhalten: Und das entsetzt beim Lesen.
Auch wenn Boyne hier nicht so emotional war wie in „Der Junge im gestreiften Pyjama“, ist diese Geschichte absolut lesenswert und wichtig. Für mich eines der wichtigsten Bücher, das je geschrieben wurde. Dieser Roman sollte im Geschichtsunterricht zur Pflichtlektüre werden. Denn nur solche Bücher machen den Zweiten Weltkrieg begreifbar. Must-Read!

Eines der wichtigsten Bücher der Zeit! Wer den Weltkrieg verstehen möchte, sollte Boyne lesen.

Bewertung: 4 von 5 Lesebrillen!

John Boyne: Der Junge auf dem Berg
John Boyne: Der Junge auf dem Berg

Bibliografische Angaben:
DER JUNGE AUF DEM BERG | JOHN BOYNE
Erschienen am 24.08.2017 im S. Fischer Verlag ⇔
Aus dem Englischen
Übersetzerin: Ilse Layer
Originaltitel: The Boy at the Top of the Mountain
Einzelband
ISBN: 978-3-7373-4062-5
304 Seiten
Jugendbuch ab 12 Jahre


Die Leserin

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4 Kommentare

Schreibe eine Antwort zu [Die Sonntagsleserin] September 2017 | Phantásienreisen Antwort abbrechen

  • Liebe Iris,

    vielen Dank für deine ausführliche Rezension. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch nicht so emotional ist, denn thematisch erfasst es uns als Leser eher mit Wut und mit entsetzten, wie du schreibst. Ich mag Boynes Sprache und die Wahl seiner Geschichten, denn sie hinterlassen immer etwas, was sich einprägt und so verdammt wichtig ist, es nicht zu vergessen.

    Ich werde es mir nun direkt kaufen, denn es reizt mich sehr.

    Viele liebe Grüße und, es ist so schön wieder von dir zu lesen.

    Anja

    • Hallo Anja,
      ich freue mich, dass du dir das Buch zulegen willst und wünsche dir schöne Lesestunden dabei! Mich hat es nicht wütend gemacht, eher erschreckt, traurig, … es ist so nachvollziehbar.
      Danke für deine Zeilen, liebe Grüße dir!

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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