Kinder sind momentan wohl literarisch angesagt. Denn auch in der heutigen Rezension dreht sich alles um sie. Aber nicht nur, denn Wulf Dorn zeigt uns mal eine etwas andere Seite seines Schaffens. Es wird kritischer, es wird moralischer und das alles verpackt in viel Grusel.


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it Wahnsinn ist das so eine Sache. Entweder derjenige ist dem Wahn verfallen, oder der eigene Horizont ist einfach zu flach, um das Gesagte glauben zu können. In einer solchen Zwickmühle befindet sich Psychologe Robert Winter. Denn vor ihm sitzt Laura Schrader und das, was sie zu erzählen hat, kann nur eine paranoide Störung sein. Muss!

Laura wurde auf einer abgelegenen Bergstraße in den Trümmern eines Wagens mit der entstellten Leiche eines Kindes gefunden. Der Kriminalist Frank Bennell weiß sich keinen Rat, denn die Zeit drängt, und so bittet er Robert um Hilfe. Seit dem Notruf von gestern Abend haben die Ermittler keinen Durchblick mehr. Nur Laura weiß, was in dem kleinen Bergdorf geschehen ist. Aber wie soll man einer Frau glauben, die anscheinend einem Wahn verfallen ist? Es kommen immer mehr Fragen auf. Denn das Dorf ist menschenleer. „Einhundertdreiundsechzig Personen laut Einwohnerregister“, einfach weg. Verschwunden.
Und nur Laura kennt die Wahrheit.

Tja, so fängt also eine Geschichte des Wahnsinns an. Und das klappt ganz gut, denn so richtig kann man den Ausführungen von Laura nicht trauen. Viel zu unglaublich klingen die Geschehnisse, die sie erzählt. Und doch ist da das menschenleere Bergdorf mit blutigen Spuren, hastig verlassenen Häusern, und immer wieder sind es Kinder, von die Laura erzählt.

Mysteriös liest sich die Geschichte. Und gruselig. Dazwischen gibt es kurze Kapitel, die zeigen, wie Kinder auf dieser Welt missbraucht werden. Von Kambodscha bis in die Ukraine, von Ghana bis in den Irak. Missbrauch überall.

Es ist eine Geschichte des Wahnsinns. Oder auch nicht? Eine Geschichte, die nur durch Wahn erklärbar ist, weil sie einfach so unglaublich ist. Nicht nur für Robert, sondern auch für den Leser. Es wispert zwischen den Seiten, als wäre ein Spuk real geworden. Und doch ist Spuk noch viel zu harmlos für das, was auf den Seiten passiert. Denn Wulf Dorn geht ganz schön hart ran.

Wahnsinn.

Mit „Die Kinder“ zeigt Wulf Dorn aber eine ganz andere Seite seines schriftstellerischen Könnens. Denn es steckt ganz viel Gesellschaftskritik in diesem Buch.
Zwischensequenzen, von denen der Autor selbst sagt, dass sie einem wahren Hintergrund entsprungen sind, die zeigen, wie Kinder auf unterschiedlichste Art und Weise überall auf der Welt missbraucht werden.
Harter Tobak. Und schlimmer als jede Fiktion, denn so ist die Welt wirklich.
Aber nicht nur Kindesmissbrauch wird angeprangert, sondern auch unser Umgang mit Mutter Erde. Mit den Ressourcen dieser Welt.
Wer mich als Leserin kennt, weiß, wie sehr ich gesellschaftskritische Thriller liebe. Leider kommt hier aber auch mein größter Kritikpunkt: Der erhobene moralische Zeigefinger.

Der erhobene Zeigefinger hat in einer Geschichte nichts verloren. Gute gesellschaftskritische Thriller sind für mich die, die die Kritik in der Handlung laufen lassen und eben nicht mit den erhobenen, moralischen Zeigefinger auf den Leser zeigen und sagen: Das muss ich dir sagen, denn das Denken hast du verlernt. So kommt mir nämlich die Zeigefingervariante vor und das nervt.
Max Annas, nur als Beispiel für einen deutschen Autoren, der gesellschaftskritische Thriller schreibt, setzt dies wunderbar um. In „Die Mauer“ kritisiert er den Rassenhass in Südafrika, aber nirgends im Buch wird der Erzähler laut und sagt: Weiße hassen Schwarze. Nein, das macht die Story selbst, die einfach diesen Hass durch die Handlung zeigt.

Bei Wulf Dorn ist das anders. Da kommen immer wieder die Erzähler zu Wort, direkt und indirekt, die sagen: „Siehst du, was ihr uns antut?“ (Ebook, Pos. 2842), oder: „Du weißt genau, was ich meine. Überall auf der Welt tut ihr uns Schreckliches an. Und warum? Weil für euch nur euer Leben zählt. Euer Wohlstand, euer Vergnügen, euer Fanatismus, euer Hass.“ (Ebook, Pos. 4705), usw.

Nein, ein guter gesellschaftskritischer Thriller braucht solche Aussagen nicht, weil er dieses „was falsch läuft“ in der Geschichte durch die Handlung selbst zeigt. Zeigen sollte.

Auch die Erzähltechnik fand ich nicht besonders gelungen. Laura sitzt beim Psychologen und erzählt rückblickend die Geschehnisse. Aber dazwischen erfährt der Leser auch was Lauras Schwager erlebt, Lauras Chef, Lauras Schwester, ihre Nichte Mia, … Nur durch einen Absatz getrennt, völlig unsortiert.
Dadurch erfährt der Leser zwar das Geschehen im Gesamten, aber schlampig wirkt die Erzählweise dennoch auf mich.

Trotzdem liest sich die Geschichte insgesamt sehr spannend und ich hoffe, Wulf Dorn arbeitet an einem weiteren gesellschaftskritischen Thriller. Auch wenn die Gesellschaftskritik für mich zwar vom Thema her gut gewählt, nur die Umsetzung noch nicht ganz geklappt hat, so ist es doch ein lesenswerter, gruseliger Mystery-Thriller für zwischendurch.

Fazit

Wer gruselige, mysteriöse Horror-Thriller mag und sich von harten Szenen nicht abschrecken lässt, wird mit diesem Buch spannende Lesestunden erleben. Denn die Geschichte scheint dem Wahnsinn verfallen zu sein, so unglaublich klingen Lauras Erklärungen, was sie erlebt hat. Dazu passt auch das Setting vom verlassenen Bergdorf bis hin zu den Kellern in der Klinik mit den schreienden Insassen.
Leider ist die Gesellschaftskritik darin mit erhobenen moralischen Zeigefinger eingeflochten, anstatt die Handlung die Kritik selbst zeigen zu lassen, so dass ich dies nicht gelungen finde.
Trotzdem hatte ich unterhaltsame Lesestunden mit einen Hauch Schauer und Mysteryfeeling.

Gruseliger Mix aus Mystery-Thrill und Gesellschaftskritik.

Bewertung: 3 von 5 Lesebrillen!

Wulf Dorn: Die Kinder
Wulf Dorn: Die Kinder

Bibliografische Angaben:
DIE KINDER | WULF DORN
Erschienen am 04.09.2017 im Heyne Verlag ⇔
Aus dem Deutschen
Einzelband
ISBN: 978-3-453-27094-7
320 Seiten

Autorenhomepage: Wulf Dorn ⇔


Die Leserin

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4 Kommentare

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  • Liebe Iris,

    dein Punkt zur Gesellschaftskritik, mit erhobenen Zeigefinger, scheint doch sehr deplatziert. Ich finde gut und richtig, wenn gesellschaftskritische Themen in Handlungen einfließen, der Leser durchaus durchschüttelt wird und doch bleibt es jedem überlassen, ob er sich darin wiederfinden kann oder nicht. Deine Kritik macht mich wirklich stutzig, ob ich dieses Buch auswählen werde. Es gibt reichlich differenzierte Meinungen zu dem Titel und doch schwimme ich gern auch gegen den Strom.

    Ich lass es dann mal sacken, es gibt derzeit keinen Buchnotstand, insofern beobachte ich die Entwicklungen der Meinungen.

    Lieben Dank für deine tolle Kritik.

    Liebe Grüße

    Anja

    • Liebe Anja,
      wenn du über die (für mich misslungene) Gesellschaftskritik hinwegsehen kann, dann lies es. Am besten zu Halloween, denn es ist gruselig, mystisch und spannend. Und auch das Thema an sich ist erschreckend (ich kann es leider nicht verraten, das würde zu viel spoilern, deswegen habe ich es in der Rezension nur angerissen).
      Also zur reinen Unterhaltung trotz Kritik empfehlenswert. Liebe Grüße, Iris

  • Hey 🙂

    Ich muss gestehen, ich habe bisher von dem Autor noch kein einziges Buch gelesen, aber dank Bücherschrank subbt immerhin sein Erstling „Trigger“ bei mir. Und ich werde es auch lesen, die ersten 30 Seiten Buch-Speeddating haben mich mal so weit neugierig gemacht, dass ich es beim Ausmisten wieder ins Regal zurückgelegt habe :D.

    „Die Kinder“ scheint ja durchaus zu polarisieren, ich habe bisher erst eine einzige, recht geheimnivoll klingende Rezension dazu gelesen. Ob ich es selbst lesen werde, weiß ich noch nicht, jetzt ist erst mal „Trigger“ dran, ehe ich mich entscheide, ob ich weitere Bücher von ihm lesen werde.

    Liebe Grüße und wie immer vielen Dank für deine kritischen Worte!
    Ascari

    • „Trigger“ habe ich selbst noch nicht gelesen. Was ich noch empfehlen kann, wäre „Phobia“.

      Ja bei „Die Kinder“ gehen die Meinungen weit auseinander. Ich finde das toll, so bleibt das Buch für alle interessant, wenn die Leser so unterschiedlich darauf reagieren :-).

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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