Dresden, 1944. Die Jungen sind an den Fronten, jeder wartet auf Briefe. Die Zurückgebliebenen stehen um jede Rübe an. Und in den Nächten verbarrikadieren sie sich in den Kellern, wenn Flieger ihre Bomben abwerfen und auf den Straßen ein Mörder, der Angstmann, nach seinem nächsten Opfer sucht.
Zeithistorischer Krimi, der spannend und eindrucksvoll zu lesen ist.


Dresden im 1944er-Jahr

F

rank Goldammer dreht die Zeit zurück. BMW-Gespanne mit Beiwägen tuckern durch die kopfsteingepflasterten Straßen Dresdens. Elbaufwärts sieht man Rohre von Flakgeschützen. Es stinkt nach ungewaschenen menschlichen Körpern, nach „Mist, Fäule, Urin und Kot“. Und nach DDT-Pulver, das von der Entlausungsstation herübergeweht wird.
Die Zeit ist hart. Zwischen fanatischen „Heil Hitler“-Anhängern traut niemand niemanden. Besonders Kindern nicht, die oft Spitzel sind. Die Zeitungen sind zur Hälfte mit Todesanzeigen gefüllt. Viele warten auf Briefe ihrer Jungen, um zu wissen, ob sie für Führer, Volk und Vaterland gefallen sind.
Die Zeit ist bitter. Kartoffeln und Rüben stehen auf dem Speiseplan. Oder auch nichts. Zerlumpte Flüchtlinge ziehen bettelnd durch die Straßen. Kaum jemanden vom einfachen Volk interessiert der Krieg, „die wollen nur Essen und einen warmen Ofen“. Und die Hoffnung, sich nicht bei den Tuberkulösen, ruhr-und diphteriegeplagten Kranken anzustecken.
Und dann noch die nächtlichen Bombenalarme. Runter in den Keller. Aussitzen, hoffen, bangen. Und wer es nicht schafft in den Keller, der muss sich vor dem Angstmann fürchten. Denn der zieht durch die Straßen, heult, lacht, weint und schnappt sich das nächste Opfer.

Man lief schneller, sprach gedämpfter, lachte kaum. Es war eine Stumpfheit bei den Menschen zu spüren, die bedrückte.
Pos. 1151 aus dem Ebook

Dazwischen gibt es Heller

Max Heller hat noch seinen Job bei der Kriminalpolizei, obwohl er sich weigert der SS, dem SD oder überhaupt einer Partei beizutreten. Er steht noch für Recht und Gesetz, auch wenn drumherum gekämpft, getötet wird. Während sein Vorgesetzter Klepp noch immer Judenhäuser räumen lässt, sucht er den Angstmann.
Bestialisch zugerichtet sehen die Opfer aus, denen der Täter die Augenlider abschneidet. Er legt seine Opfer frei, so dass man die Innereien sehen kann. Und das, während das Opfer noch lebt.
Doch Heller hat es nicht leicht, nach dem Täter zu suchen. Immer mehr Kollegen werden als Kanonenfutter an die Front geschickt. Und sein Vorgesetzter Klepp, ein Nazi durch und durch, hat ihn zusätzlich im Visier.
Max Heller ist einer, der das Herz am rechten Fleck hat. Und doch sind ihm die Hände gebunden, er kann weder den Krieg beenden, noch jemanden aus den Nazifängen befreien. Viel zu gefährlich wäre dies. Außerdem wartet zu Hause Karin. Seine Frau, die viel zu oft ohne seine Hilfe um Essen anstehen muss. Okay, zugegeben, mit Heller als Ehemann hat es Frau nicht leicht. Schon gar nicht in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Ein Krimi mit geschichtlichen Hintergrund

Frank Goldammer legt uns mit „Der Angstmann“ einen Krimi mit zeithistorischen Hintergrund vor. Die Bombenangriffe auf Dresden legen die Stadt in Schutt und Asche. Eindrucksvoll schildert er mithilfe seiner Figuren, den Kampf ums Überleben in diesem Feuerinferno.
Dazu liefert er einen Krimiplot, der spannend und scheinbar nicht zu knacken ist. Der mit jeder Tat zunehmend grausamer wird. Und zwischendrin zeigt er auch noch verblendete Nazis, die noch immer an den Endsieg glauben, obwohl die Russen längst vorrücken.

Ein Krimi, der stellenweise sehr horrormäßig wirkt

Anfangs gibt es eine Tote in einem Bootshaus. Umgebracht. Liegengelassen. Die Tat steigert sich immer mehr, denn die Tote, die Wochen später auf einem Dachboden gefunden wird, ist schon grausamer zugerichtet.
Die Fährten führen in alle Richtungen. Falsche Verdächtigte werden festgenommen, Beweise gelegt, Spuren verrückt. Max Heller hat hier wirklich keinen leichten Fall zu knacken. Und die Zeit drängt.
Was sich anfangs wie Hirngespinste von verängstigten Tratschtanten anhört, liest sich dann gegen Ende sogar ein bisschen horrormäßig. Wer glaubt schon an die Nuscheleien des Volkes, dass der Täter wie ein Wolf heult, dass dieses Heulen immer einem Opfer vorangeht? Dass am Tatort Speichelspuren gefunden werden, die abnormal gelten.
Doch Goldammer löst diese mysteriösen Erscheinungen gegen Ende ziemlich glaubwürdig auf. Zwar ein bisschen übertrieben, aber hey, das ist Fiktion. Fiktion erlaubt ein bisschen Übertreibung.

Fazit

Max Heller muss gegen Ende des Zweiten Weltkrieges einen bestialischen Mörder inmitten der zerbombten in Schutt und Asche liegenden Stadt Dresden suchen. Das wird ihm nicht leicht gemacht, weil noch immer verblendete Nazi-Anhänger an den Sieg Hitlers glauben, weil man in dieser Zeit um jede Rübe anstehen muss, weil in dieser Zeit viele um ihre Jungen an den Fronten bangen.
Die geschichtlichen Aspekte dieser Zeit lässt Goldammer eindrucksvoll aufleben. Beängstigend und glaubhaft wirkt das Leben in den 1944er und 1945er Jahr in Dresden. Und dazu noch die Überfälle in den Bombennächten, deren Opfer bestialisch zugerichtet sind.

Ein Thriller, den ich besonders an zeithistorisch Interessierten ans Herz legen möchte. Spannend zu lesen mit eindrucksvollem, zeithistorischen Erleben.

Ein Thriller für zeithistorisch Interessierte!

Bewertung: 4 von 5 Lesebrillen!

Frank Goldammer: Der Angstmann
Frank Goldammer: Der Angstmann

Bibliografische Angaben:
DER ANGSTMANN | FRANK GOLDAMMER
Erschienen am 08.09.2017 im dtv Verlag ⇔
Aus dem Deutschen
Band 1 der Max-Heller-Reihe
ISBN: 978-3-423-21696-8
336 Seiten

Autorenhomepage: Frank Goldammer ⇔


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5 Kommentare

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  • Ich war total geflasht von dem Buch, obwohl ich erst gedacht habe, Krimi, Weltkrieg…ob das geht?! Und wie 🙂

    Vielleicht magst Du bei mir mal schauen, wir haben gerade zum 2. Teil. Tausend Teufel, eine Blogtour laufen 🙂

    Liebe Grüße
    Sabine

    • Hallo Sabine!
      Vielen Dank für deinen Besuch! Ich entnehme aus deinen Zeilen, dass dies der erste Krimi mit Kriegsthema für dich war. Falls du mehr in dieser Kombination lesen möchtest, hätte ich da zwei Lesetipps:
      Jan Kilman: Heldenflucht (1. Weltkrieg Nachkriegszeit), und
      Mechthild Borrmann (2. Weltkrieg Nachkriegszeit).

      Ich habe eure Blogtour auf Twitter entdeckt, leider nur noch keine Zeit gehabt, eure Beiträge zu lesen. Hole ich am Wochenende nach, zumal mich interessiert, wie Tausend Teufel bei euch angekommen ist. Das habe ich auch schon gelesen, fand den zweiten Band aber nicht so gut wie den ersten.

      Liebe Grüße dir! Iris

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

LITERARISCH KRIMINELL VERANLAGT.

Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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