Jetzt bin ich normalerweise kein Hexen-Vampir-Werwolf-Was-weiß-ich-was-Leser, aber morgen ist Halloween und von daher herrscht Ausnahmezustand auf der Lesecouch. Denn in dieser Nacht darf es ruhig mal gruseliger zugehen. Mutig habe ich mich – in ein mir eher fremdes Genre – getraut und tatsächlich einen Halloween-Lesetipp gefunden. Denn „Hex“ ist nicht nur gruselige, spannende Unterhaltung, sondern gegen Ende überrascht das Buch auch noch mit einem moralischen Schockmoment. Mein Halloween-Lesetipp:


Black Spring von außen

F

ür Außenstehende ist Black Spring ja ein ganz niedlicher Ort. So ein Dorf, das von hübschen Hügeln und Wäldern umgeben ist, in denen man herrlich wandern kann.
Auf den zweiten Blick wirkt Black Spring aber irgendwie eigenartig. Alles scheint videoüberwacht zu sein und für so einen kleines Dorf gibt es verhältnismäßig oft Straßensperren.
Auf den dritten Blick wirkt das Dorf sehr zurückgezogen, denn will man zuwandern, stellen sich die Dorfbewohner alles andere als einladend gegenüber. Und tatsächlich erzählen sie solchen Humbug wie:

Am Abend rief er Mr. Delarosa auf seinem Handy an und flehte inständig, er möge den Kauf abblasen. Als der Mann ihn fragte, warum er sich solche Mühe gab, erzählte Grim ihm, dass Black Spring unter einem dreihundert Jahre alte Fluch litt, der auch sie heimsuchen würde, sollten sie sich tatsächlich hier niederlassen. Sie würden bis an ihr Lebensende verflucht sein, denn in Black Spring gab es eine böse Hexe.
Zitat aus dem Buch, S. 32

Hexe? So ein Blödsinn!
Oder glaubt ihr das etwa?

Black Spring von innen

Innen sieht das Dörfchen ganz anders aus. Da gibt es eine Notverordnung, die Videos aus der Überwachung werden direkt in eine App übertragen, die sich passenderweise „Hex“ nennt, damit jeder Bewohner sieht, wo sich diese Hexe aktuell aufhält. Keinesfalls dürfen Außenstehende erfahren, dass es diese Hexe wirklich gibt. Denn nur Außenstehende könnten auf die dumme Idee kommen, die Hexe von ihren Fesseln zu befreien oder ihr gar die Nähte der zugenähten Augen oder des zugenähten Mundes zu öffnen. Also wird sie versteckt. Mal hinter einem schnell aufgestellten Container, hinter einer Straßensperre oder umringt von alten Damen, die sie in die Mitte nehmen und sie so verdecken. Denn innen haben die Dorfbewohner mächtig Angst vor der Hexe, auch wenn sie mit ihr notgedrungen leben.

Gruselig und spannend

Die Geschichte baut sich langsam auf. Anfangs betretet man dieses Black Spring, lernt Steve und seine Familie kennen, die die Hexe „Grandma“ getauft haben. Ominös taucht diese Hexe aus dem Nichts auf, macht nichts, steht einfach rum. Allerdings wird schnell klar, dass von ihr eine Gefahr ausgehen muss. Denn niemand der Dorfbewohner greift sie mit Händen an, sondern höchstens mit einem Besenstiel und jeder vermeidet es, in den bösen Blick zu geraten, oder gar ihr todbringendes Flüstern zu hören.
Aber auch die Dorfbewohner sind total unterschiedliche Plagegeister. Die einen leben mit der Hexe, die anderen sind von jugendlichen Leichtsinn angestachelt und ärgern diese. Das kann nicht gut gehen, denkt man sich beim Lesen. Und natürlich geht das nicht gut.

Die Lage spitzt sich zu, als einer der Jugendlichen immer boshafter die Hexe attackiert. Ein erstes Opfer sorgt für einen kurzen Schockmoment und spätestens da begreift auch der Leser, dieses Black Spring ist wirklich gefährlich. Und dieser Fluch lastet wirklich auf dem Dorf und all seinen Bewohnern. Und überhaupt: Die Hexe muss echt sein, sonst könnte das ja nicht alles passieren.
Thomas Olde Heuvelt hat eine bunte Mischung an Figuren in dieses Dorf gesetzt. Die einen glauben an diese paranormale Erscheinung und versuchen sich mit der Hexe gut zu stellen, die anderen zweifeln daran, denn Hexen gibt es doch nicht und doch steht sie da und schaut einem beim Schlafen zu! Und dann gibt es noch die, die sich mit diesem Fluch nicht abfinden können.
Das liest sich sehr gruselig, besonders da diese Hexe immer mehr von ihren alltäglichen Gewohnheiten abweicht und auch einige der Dorfbewohner sich nicht mehr an die Regeln der Notverordnung halten.

Am Ende überrascht die Geschichte dann mit einem moralischen Schockmoment. Denn Angst ist stark, Angst beeinflusst unseren Verstand, unseren Geist, all die Menschen um uns herum und einen selbst. Am Ende steht man als Leser da und denkt sich: Selbst wenn es Hexen gibt, es gibt nichts Schlimmeres als die Menschen selbst. Die sind an Grausamkeit nicht mal durch paranormale Erscheinungen zu übertreffen und was noch schlimmer ist: Sie werden es nie lernen. Nie! Nie! Nie! Da hilft auch das Hexen nicht.

Das hat Herr Heuvelt wirklich gut gemacht.
Allerdings muss man dazu sagen, dass sich diese Ausgabe von der niederländischen unterscheidet. Denn das Ende hat der Autor nämlich umgeschrieben. Wie die niederländische Ausgabe ausgeht, kann ich nicht sagen. Aber ich bin froh, am Ende diese Geschichte gelesen zu haben. Sie gruselt, sie wirft am Ende aber auch einen Boomerrang zurück und wirkt dadurch mehr als nur platte Unterhaltung.

Fazit

Ein Dorf, ein Fluch, eine Hexe. Daraus zaubert Thomas Olde Heuvelt eine spannende Horrorgeschichte, die nicht nur unterhält, sondern gegen Ende auch noch einen moralischen Boomerrangeffekt liefert.
Unterschiedliche Charaktere sind durch den Fluch in diesem Dorf zusammengepfercht und die Familien haben im Laufe von Jahrhunderten gelernt, mit der Hexe zusammenzuleben. Nach außen hin verstecken sie die Hexe, denn sie befürchten, dass Menschen von außen der Hexe die Fesseln und Nähte abnehmen könnten. Doch nicht außen lauert die Gefahr, sondern innen. Und schon bald gibt es in dem Dorf den Ausnahmezustand, vor den sich alle gefürchtet haben.
Spannend und gruselig zu lesen! Perfekt für den morgigen Halloweenabend.

Eine gruselige Hexengeschichte mit einem spannenden, boomerrangartigen Ende, der für einen kurzen moralischen Schockmoment sorgt. Ein Halloween-Lesetipp!

Bewertung: 5 von 5 Lesebrillen!

Thomas Olde Heuvelt: Hex
Thomas Olde Heuvelt: Hex

Bibliografische Angaben:
HEX | THOMAS OLDE HEUVELT
Erschienen am 16.10.2017 im Heyne Verlag ⇔
Aus dem Amerikanischen
Übersetzer: Julian Haefs
Einzelband
ISBN: 978-3-453-31906-6
432 Seiten


Die Leserin

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6 Kommentare

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  • Ich habe mir „Hex“ dieses Jahr auch endlich mal an Halloween zu Gemüte geführt, nachdem die englische Ausgabe schon ein (oder sogar zwei?) Jahr(e) bei mir auf dem SUB lag. In der Zwischenzeit hatte ich auch total vergessen, worum es in der Geschichte eigentlich geht und so hat mich der Anfang auch direkt ziemlich überrascht – das Szenario in Black Spring fand ich wirklich sehr skurril und interessant.

    Insgesamt war das Buch für mich dann auch sehr kurzweilig und hat mich ein bisschen an die „Wayward Pines“-Serie von Blake Crouch und die Horrorfilme „Cabin in the Woods“ und „The Blair Witch Project“ erinnert. Leider habe ich dann doch ein wenig den Gruselfaktor vermisst und fand das Ende auch nicht ganz überzeugend, hier würde ich wirklich gerne mal das Original-Ende zum Vergleich lesen.

    • Hallo Sebastian,
      in der deutschen Ausgabe steht, dass sich diese von der englischen Ausgabe (zumindest das Ende) unterscheiden soll. Die englische Version soll die original niederländische Fassung sein, die deutsche Ausgabe wurde für den Markt etwas umgeschrieben. So zumindest die Infos, die ich dazu gelesen habe. Was genau der Unterschied ist, ist leider nicht ersichtlich.

      Vielleicht ist HEX eher ein Buch für Gelegenheitshorrorleser wie mich? Für mich sind solche Bücher ja immer eine Überraschung, weil ich sie selten lese. Von deinen Vergleichsbüchern/ – filme z. B. kenne ich kein einziges :-).

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Muss mir dann gleich mal deine Rezension dazu durchlesen.

    • Die englische Ausgabe hat bereits ein ungeschriebenes Ende, so steht es zumindest im Nachwort des Buches. Dort hat der Autor geschrieben dass er selbst das englische Ende besser findet als das Original, ich würde aber trotzdem gerne mal selbst vergleichen 😀

      Ich glaube Hex ist als Horrorroman schon sehr beliebt, ich habe generell aber das Problem dass ich Bücher nur sehr selten wirklich gruselig finde. Zuletzt war das vor Jahren bei “Geisterfjord” der Fall…

    • Geisterfjord fand ich auch einen Tick mehr gruselig ;-). Ich habe das Problem bei den Thrillern und der Spannung. So richtig mitfiebern kann ich bei fast keinem mehr. Vielleicht liegt es daran, dass wir so viel lesen? Dass wir abgehärtet werden mit der Zeit?

      HEX hast du nicht rezensiert, oder? Ich habe nämlich nix bei dir gefunden.

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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