Ausgerechnet ein Kriminalroman bringt dem Leser Einblicke in die Schattenseiten der Flüchtlingspolitik, die so nicht sein sollte. Denn die Löcher des Systems werden von Menschenhändlern, Drogenbanden und Organhändlern systematisch ausgenutzt. Und so kommen Flüchtlinge in Deutschland zwar an, werden aber direkt vom nächsten Höllentor verschluckt. Und das mit System.


Mit viel Hoffnung durch das zweite oder dritte Höllentor „Deutschland“

D

ass in unserer Welt vieles schiefläuft, müsste inzwischen auch bei denen angekommen sein, die die Augen gerne vor unseren Gesellschaftssünden verschließen. Wenn man etwas genauer hinsieht, auf die Abgründe unserer Gesellschaft, dann erkennt man: „Schieflaufen“ ist kein Ausdruck für das, was um uns herum passiert. Es ist eher eines von Dantes Höllentoren, das sich da aufgetan hat und mitten unter uns das Fegefeuer verbreitet.
Durch so ein Höllentor nimmt uns der Bielefelder Kommissar und Kriminalbuchautor Norbert Horst mit.

„Das heißt, wäre er im Asylverfahren, wäre er vom Bundesamt für Migration gerollt worden, womit seine Fingerabdrücke auch in unserem System wären. Das wäre auch so, wenn er abgelehnter Asylbewerber wäre. Aber wir haben keine Prints von ihm, damit ist er wahrscheinlich einer der hunderttausend, die hier rumlaufen, ohne das jemand genau weiß, wer sie sind.“
Zitat aus dem Buch, S. 54

Viele Namen, aber keine Identität

Viele Flüchtlinge, die hier bei uns ankommen, kommen aus Ländern, denen man kein Asyl gewährt. Sie werfen ihren Pass auf ihrer Reise weg und melden sich unter falschen Namen bei uns an.
In Clearinghäusern werden die Jugendlichen aufgesammelt. Doch viele von ihnen verschwinden. Und einige tauchen früher oder später unter einem anderen Namen wieder auf. Manche davon tot.
Andere werden nie registriert, weil sie schon vorher von anderen mit falschen Namen abgefangen werden. Denn mit Angst und Hoffnung kann man Geld machen. Sehr viel Geld. Und in unserer Welt geht es nur ums Geld.
In „Kaltes Land“ vermischt sich Wahres mit Fiktionalen. Doch in einer Welt, die derart aus den Fugen geraten ist, braucht man wohl nicht viel hinzuzudichten.

Das Geschäft mit Flüchtlingen

Im dritten Band von Steiger geht es um junge Menschen, die die Hoffnung haben, in Deutschland Asyl zu bekommen. Steiger findet in einer Wohnung für Asylanten eine aufgeschlitzte Leiche. Die Obduktion ergibt, dass der junge Mann als sogenannter Bodypacker hergehalten hat. Das heißt, er schluckte bis zu 100 Bubbles, Packs, in die gepresste Drogen gepackt wurden.
Doch hier zu ermitteln scheint chancenlos. Denn die Namen haben kein Ende und die Namen gehören eigentlich niemanden. Einen Namen herauszufinden, heißt nicht, die Identität festzustellen. Denn die Namen gehören zu gefälschten Ausweisen, die die Flüchtlinge wiederum von Leuten erhalten haben, die mit mehreren verschiedenen falschen Namen auf Kurierfang gehen. Alles klar?

Dass Norbert Horst sich in diesem Metier auskennt, sieht man daran, dass das Flüchtlingsgeschäft von vielen Seiten beleuchtet wird. Da gibt es das Geschäft mit abgefuckten Buden, für die sich eigentlich keine Mieter finden lassen würden, in denen man aber viele obdachlose Flüchtlinge stopfen kann und so Geld kassiert.
Dann gibt es Leute wie Hermann, die in jedem männlichen Flüchtling einen Massenvergewaltiger sehen. Leute wie Steiger, die das Elend dieser Menschen sehen und nachvollziehen können, warum Menschen bereit sind, ihr Land, ihre Familie, ihre Freunde zu verlassen, der aber auch die Asylpolitik kritisch sieht, das auch Menschen abschiebt, die eigentlich in Deutschland angekommen sind, sich eingelebt haben, Wohnung und Job haben, die Sprache können. Leute wie Betreuer, die Flüchtlinge an Menschenhändler verschachern und damit ein lukratives Zubrot verdienen. Betreuer, die Tränen weinen, weil ihre Schützlinge einen Krieg überstanden haben, im nächsten „Höllentor“, das eigentlich ihre Zukunft war, aber gefallen sind. Und dann gibt es natürlich Flüchtlinge, die sich auf eine gefährliche Reise begeben, die all ihre Hoffnung auf Zukunft auf Deutschland setzen und am Ende doch hoffnungslos zurückbleiben. Bestenfalls zurückbleiben, denn andere landen bei Drogenbandenmitgliedern und Menschenhändlern, die durch die Verbreitung von Angst und Hoffnung leicht an solche Kuriere und Opfer kommen.

Ein Ermittlungsstrang mit gefühlt echten Ermittlern

Der Hauptstrang des Romans gehört den Ermittlern. Hier sucht Steiger mit seiner Kollegin Jana nach dem Täter. Dabei arbeitet er mit anderen Abteilungen zusammen, denn so würde es in echt auch aussehen. Sehr real wird dieser Strang geschildert, die knappen Ressourcen der Polizei, die Probleme mit den falschen Identitäten, aber auch die Einsatzbereitschaft der Kommissare, die aber bei aller Anstrengung realistisch bleiben, denn nicht alle Verschwundenen können oder wollen gefunden werden. Und manchmal sind den Ermittlern auch einfach die Hände gebunden.
Steiger ist ein Kommissar mit Herz. Der Mann hat Einblick in das Leben der Flüchtlinge, und kann Hetzer nicht dulden. Viel zu sehr weiß er, wie der Hase läuft. Wie das System funktioniert oder eben nicht funktioniert. Wie das System ausgenutzt wird, umgangen, wie schwierig es ist, die zu schützen, für die dieses System eigentlich eingeführt wurde. Und wie die reale Welt als Flüchtling in Deutschland aussieht. Mit all den Gefahren und falschen Versprechungen und noch falscheren Hoffnungen. Das liest sich verdammt real.

Ein anderer Erzählstrang zeigt Arjun und Samira auf ihrer Flucht nach Deutschland. Die Hoffnung, die sie haben, die Gefahren, in die sie sich begeben müssen. Es zeigt auch, wie diese Menschenfänger arbeiten und warum Flüchtlinge so leicht auf sie hereinfallen. Und das ist verdammt glaubwürdig.

Ein erschreckender Mix aus Fiktion und Wirklichkeit

Jetzt könnte man als Leser ja sagen: „Ist ja nur ein Buch. Alles erfunden.“ Aber wenn man dann ein bisschen googelt, stellt sich schnell Entsetzen ein. Denn Organhandel mit Flüchtlingen gibt es wirklich. Also in echt. Ganz real. Sogar mit Kindern. Menschenhandel im Rotlichtmilieu sowieso.
Wenn man dann noch bedenkt, dass Norbert Horst selbst als Kommissar arbeitet und sich den sehr authentischen Ermittlungsstrang im Roman ansieht, dann weicht das Entsetzen und als Leser denkt man an Dantes Höllentor, das sich da auftut.
Was läuft da schief? Unsere Flüchtlingspolitik scheint für keinen richtig gut zu sein, außer für die, die daran verdienen. Und somit sind wir wieder beim lieben Geld. Und hoffentlich bald auch an dem Punkt, an dem sich alle gemeinsam an einem Tisch setzen und Lösungen suchen, die wirklich Probleme lösen. Eigentlich ein Buch, dass man zur Pflichtlektüre der Verantwortlichen machen sollte. Und auch allen Bürgern in die Hand drücken sollte, damit man weiß, dass man hinschauen soll. Augen auf. Nicht zu. Helfen. Aufklären. Und nochmals hinschauen. Aber auch wenn manche Menschen selbst nach so einem Buch die Augen nicht öffnen wollen oder können, dann wüssten sie wenigstens, dass das Leben als Flüchtling in Deutschland (Österreich oder anderswo) kein paradiesisches Leben ist, sondern ein Überlebenskampf mitten unter uns.
Auch wenn es ein fiktionaler Kriminalroman ist, spricht er die Probleme an, die man nicht sehen möchte. Aber wegsehen gilt nicht. Das Höllentor brennt schon und einige sind da ungewollt durchgegangen.

Norbert Horst muss man lesen

Ganz im Ernst: Das Buch muss man lesen. Wir, Ottonormalbürger, kriegen alles ja nur am Rande mit. Wir haben eigentlich keine Ahnung, was da im Hintergrund abläuft, auch wenn manche so tun, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Wie sollten wir auch, wenn wir nicht gerade selbst als Betreuer in einem Clearinghaus arbeiten. Mal einen Zeitungsschnippel da, mal dort, der dann oft auch noch als Fakenews bezeichnet oder als zensiert beschimpft wird. Wer soll da noch durchblicken?
„Kaltes Land“ gibt Einblick in ein wirklich kaltes Land. In ein Land, das vermeintlich Flüchtigen hilft, das aber auch ein System geschaffen hat, das es Menschenhändlern leicht macht, ihre Opfer zu finden und ihren Profit zu optimieren. „Kaltes Land“ zeigt kalte Figuren, die das gesamte „Asylantenpack“ am liebsten gestern rausschmeißen würde, dabei sehen sie nicht, warum diese Menschen all ihre Existenzen auf ihre einzige Hoffnung „Deutschland“ setzen.
Aber „Kaltes Land“ hat auch wärmere Stellen. Denn wo Böses ist, ist auch Gutes zu finden. Und all das macht die Lektüre realistisch, lesenswert, glaubwürdig. Fiktional klar, aber die Hintergründe sind verdammt real. Googelt mal.

Ein gesellschaftskritisches Buch über die dunkle Seite des Flüchtlingsgeschäfts, das mit einem sehr authentischen, unterhaltsamen Ermittlerstrang daherkommt und einem Ermittler, den man sich auch im realen Leben wünschen würde.

„Los jetzt, Hermann, zwei Minuten, dass wir den kleinen Adolf brauchen, zwei Minuten über die Ölaugen, die unsere Frauen vergewaltigen, und zwei Minuten erzählst du mir Bilderwitze, dann haben wir es hinter uns.“
Hermann sah ihn mit herunterhängender Unterlippe an.
„Verarschen kann ich mich alleine, Steiger.“
Zitat aus dem Buch, S. 395

Fazit

Ein heißes Eisen packt Norbert Horst mit „Kaltes Land“ an und hat sich keinesfalls die Finger dabei verbrannt. Er zeigt die Schattenseiten unseres Asylgesetzes, die Schwierigkeiten bei der Polizeiarbeit, die Löcher im System, die es Menschenhändlern und Drogenbanden leicht machen, neue Kuriere und Opfer zu finden. All das verpackt in einem unterhaltsamen, sehr authentisch zu lesenden Ermittlerstrang, der zwischendurch durch Einblicke in die Flucht eines Flüchtlings unterbrochen wird. Die Hauptfigur Steiger wirkt zudem nicht nur verdammt real, sondern ist durch ihre Haltung auch ein Ermittler, den man sich so im echten Leben wünschen würde. Trotz der Widrigkeiten, der knappen Ressourcen, der Hoffnungslosigkeit kämpft Steiger weiter. Und das ist gut so. Beim nächsten Kampf bin ich mit Sicherheit wieder dabei. Denn die Steiger-Reihe hat mit „Kaltes Land“ einen neuen Dauerleser bekommen. Toll gemacht. Lesen!

Ein sehr authentisch zu lesender fiktiver Kriminalroman mit einem starken Ermittlerstrang, der das Geschäft mit Flüchtlingen schonungslos real aufgreift. Verdammt gut! Hinsehen erwünscht!

Bewertung: 5 von 5 Lesebrillen!

Norbert Horst: Kaltes Land
Norbert Horst: Kaltes Land

Bibliografische Angaben:
KALTES LAND | NORBERT HORST
Erschienen am 26.10.2016 im Goldmann Verlag ⇔
Erscheinungsdatum: 18.09.2017
Seiten: 400
ISBN: 978-3-442-48617-5
Aus dem Deutschen
Band 3 aus der Steiger-Reihe

Das Rezensionsexemplar wurde vom Random House Bloggerportal zur Verfügung gestellt!


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6 Kommentare

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  • Liebe Iris,

    das ist mein Thema. Stets daran interessiert jedes Detail aufzusaugen, wenn die Mischung aus Authentizität und Fixion stimmt.

    Danke für deine Rezi. Hatte das Buch bisher nicht auf dem Schirm.

    Liebe Grüße

    Anja

    • Hallo Anja,
      ich muss wirklich sagen, Norbert Horst konnte mich derart überraschen, so viel Reales in eine Fiktion zu verpacken, dass ich bei meiner Recherche wirklich überrascht war (ich google nämlich immer ein bisschen nach, wenn Autoren aktuelle Themen aufgreifen, sofern ich davon nichts mitbekommen habe). Und das ganze liest sich auch noch toll. Ja, Norbert Horst ist wirklich empfehlenswert und ich freue mich, dass du das Buch nun „auf dem Schirm“ hast! Liebe Grüße, Iris

  • Habe von Norbert Horst „Mädchenware“ gelesen. Das hat mir auch schon gut gefallen. Daher hatte ich dieses hier schon auf dem Schirm, deine Rezi überzeugt mich vollends.

    • Die Vorgänger von Norbert Horst bestelle ich jetzt nach, die möchte ich auch noch lesen und das, obwohl ich eigentlich genug von professionellen Ermittlerkrimis habe. Aber der macht das richtig gut.

      Schön, dass ich dich vollends überzeugen konnte. Ich würde sagen: Mission erfüllt. Yeah! Viel Spaß beim Lesen!

  • Ja, bei mir steht der Autor auch noch auf der Leseliste, deine Begeisterung bestärkt mich nur noch mehr. Schön, dass Du dann endlich mal wieder einen Treffer dabei hattest! 🙂

    • Der Oktober ist mega. So viele tolle Bücher, da freut man sich einfach auf das nächste. Norbert Horst MUSST du lesen! Der passt super in unser Beuteschema :-).

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

LITERARISCH KRIMINELL VERANLAGT.

Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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