Eine unberechenbare Abenteuergeschichte, die in ein unerforschtes Polargebiet führt und zu unvorhergesehenen Charakterentwicklungen führt. Raffiniert aufgebaut, doch leider fehlt etwas an emotionaler Figuren-Leser-Bindung und trotz detaillierter Beschreibungen an übergreifender Atmosphäre. Trotzdem einen Ausflug wert!


Eine Abenteuergeschichte, die – wie der Mensch selbst – unberechenbar bleibt

J

etzt ist es so, dass wir – Leser – von der Antarktis bestimmte Vorstellungen haben. Schnee, Packeis, Schneestürme, Polarlichter, kleine Robben, die, wenn sie nicht gerade von Menschen tot geknüppelt werden, zumindest auf Bildern süß aussehen (da können sie uns auch nicht mit Fischverdauungsatem umhauchen), bildhübsche watschelnde Frackträger sowieso.
Wenn ihr diese Vorstellung behalten wollt, lest Everland nicht.

Everland liegt fiktiv zwar in der Antarktis, und auch dort gibt es Schneestürme und eine Kolonie von Adeliepinguinen, aber so kuschelig und romantisch ist das nicht, wie wir das annehmen.
Willkommen auf Everland. Eine raue Landschaft mit unwirtlichen Wetterbedingungen, in denen nur die harten der Härtesten überleben. Oder eben keiner. Oder ein bisschen.

1913: Erste Expedition 
Auch die Besatzung der Kismet hat sich das 1913 wohl anders vorgestellt. Da werden nämlich Packeis und Schneestürme zum richtigen Problem. Ist halt doch etwas anders, als in Lammfelldecken eingekuschelt in die Glotze auf antarktische Bilder zu gucken, wie wir das heute tun, als mit erfrorenen, schmerzhaften Fingern zu versuchen, etwas Nahrung in der Minus 30 Grad eisigen Kälte zum Mund zu führen. Klappt nämlich nicht, wie Dinners feststellen muss, denn seine Erfrierungen lassen seine Körperteile zu wunden Massen anschwellen und täuschen Verbrennungsgefühle und ungeheure Schmerzen vor.
Wenn man sich vorstellt, 100 Jahre zurück, kein Handy, kein Rettungsflugzeug, dann sind der Erste Offizier Napps, der Seemann Millet-Bass und der Schwachpunkt des Teams, der verletzte Forscher Dinners, wahre Abenteurer, um sich auf so eine Polarexpedition einzulassen.
Denn nicht nur die raue, unwirtliche Umgebung wird zur Gefahr, auch Hunger, Durst, Erfrierungen, leichte Ausbreitung von Wahnsinn und vor allem die Teamkollegen lassen den Überlebenskampf zur Verzweiflung reifen.

2013: Zweite Expedition
Es gibt eine Verfilmung über den Überlebenskampf der drei Forschungsteilnehmer Napps, Millet-Bass und Dinners, die sich das Forschungsteam unserer Zeit immer wieder ansieht. Diese beruht auf einem Logbuch des Kapitäns Lawrence. Blöd nur, sein Logbuch hat er bewusst verfälscht, schließlich hatte er damals einen Namen, seinen Job, sein Ansehen zu verlieren. Ja, diese bewussten Täuschungen gab es auch schon vor 100 Jahren. Doch das wissen Decker, ein polarer Sokrates, Jess, die Feldassistentin, und – voila – Schwachpunkt des Teams ist schon wieder eine Wissenschaftlerin – Brix nicht.
Es kommt, wie es kommen muss. Denn auch 2013 geht einiges schief, da helfen auch Rettungsflugzeuge und Funkgeräte nix. Denn auch wenn heutzutage Schneestürme vorausberechnet werden können (manchmal jedenfalls), der Mensch bleibt unberechenbar. Gerade in Gefahrensituationen auf Ausnahmekontinenten, die aussehen wie eine „schuttbedeckte Mondlandschaft mit dem Charme einer Baustelle“ und in Wahrheit eher daran erinnern, dass Bilder nicht immer die Wahrheit sprechen. Die Wahrheit sieht nämlich so aus, wie Decker, Brix und Jess feststellen: Die krillreiche Nahrung vor der Küste lässt den Vogelkot rosa nach Ammoniak stinkend auf den eisbedeckten Böden zurück. Selbst die Vögel tragen schmutzige rosa-weiße Lätzchen auf der Brust. Als wäre das noch nicht genug streiten Möwen um rotfleckige Nachgeburtsfetzen der Seebären oder picken auf blutige Kadaver toter Adeliepinguinen ein. Noch immer kuschelig? Das steht nicht in Reiseführern, nicht wahr?

Aber Hitchcook war es nicht
Hitchcook war es nicht, der Everland mit Vögel überbevölkert und für Gruselmomente gesorgt hat. Wohl aber seine Motive sind dort zu finden, denn auch in Rebecca Hunts „Everland“ geht es um Angst, Schuld und Identitätsverlust. Sie wollte in dieser Geschichte erforschen, wie Wahrnehmung und tatsächliche Beweggründe voneinander abweichen können, was ihr, wie ich finde, gut gelungen ist. Allerdings wurde Rebecca Hunt nicht durch Hitchcook inspiriert, sondern von dem hinkenden tollpatschig wirkenden Columbo, wie sie selbst in einem Interview ⇔ sagt. Ich muss gestehen, mir fehlt die Fantasie ihre Geschichte mit dem schusseligen Fernsehdetektiv zusammenzubringen. Soll hier auch nicht meine Aufgabe sein. Glück gehabt. Zurück nach Everland.

Die Stärke des Romas: raffinierte Charakterreise; ist gleichzeitig seine Schwäche: emotionale Bindung fehlt.
Denken wir mal nicht an die Vögel und auch nicht an die Pinguine (und schon gar nicht an Columbo), bleiben wir bei Napps, Millet-Bass, Dinners, Decker, Brix und Jess und dann kommt man zu dem Schluss: Der Mensch ist und bleibt unberechenbar. Egal ob 1913 oder 2013, in beiden Fällen ist der Mensch der unberechenbare Faktor in der Geschichte. Okay, und ein bisschen das Setting, so Schneestürme haben in 100 Jahren noch immer nicht gelernt, sich an Wettervorhersagen zu halten.
Sehr raffiniert zeigt uns Rebecca Hunt, wie Menschen sich entwickeln können, wenn sie gepeinigt von ihrer Umgebung um ihr Überleben kämpfen müssen. Dann halten sie sich genauso wenig an Charaktervorgaben wie die unvorhergesehenen Schneestürme.
Unvorhersehbar sind die Figuren nämlich alle. Die eine Figur entwickelt sich von der erfahrenen, ruhigen Führungsposition in die schlimmste Gefahr, die man sich nur vorstellen kann, während die andere genau den umgekehrten Weg durchschreitet. Am Ende bleibt dann alles glaubwürdig, diese Unberechenbarkeit ist eben doch menschlich, doch leider kann man doch nicht mitfühlen mit den Opfern, den Tätern und den Mischungen aus beiden. Unnahbar bleiben die Figuren, egal wie sehr man sie an Erfrierungen verbrennen lässt. Man sieht sie, aber man bindet sich emotional nicht an sie. Sie wirken wie die Antarktis. Kalt und fremd, obwohl man sie ständig im Blick behält (was man auch sollte, Unberechenbarkeit sollt man nie den Rücken zukehren).

Detaillierte Beschreibungen schaffen Bilder, und doch keine antarktische Atmosphäre auf der Lesecouch
Auch das Setting ist Stärke und Schwäche zugleich. Sehr detailliert malt Rebecca Hunt die antarktische Insel. Ein Bild nach dem anderen entsteht, dazu kommen Schmerzempfindungen der Figuren durch den Eisregen, die absterbenden Gliedmaßen. Und doch verlagert sich die Atmosphäre aus dem Buch nicht auf die Lesecouch.
Das innere Auge sieht Everland, doch der Blick nach außen bleibt auf den Text gerichtet. Ich habe keine Erklärung dafür, ausnahmsweise fällt mir da meine Klappe wirklich runter. Denn Hunt schreibt mit allen Sinnen, aber es will einfach keine Atmosphäre aufkommen. Unnahbar wie Polarlichter, die man sieht, aber nicht greifen kann.
Vielleicht liegt das aber auch an den Figuren, die einfach keine emotionale Bindung aufbauen können, was wieder die Atmosphäre drückt, die nicht aufkommen will. Denn so bleiben es nur Bilder. Bilder von einem Forschungsteam, das um sein Leben kämpft, aber doch so weit weg ist, dass der Leser sich an keiner Stelle gefährdet sieht. Das ist okay, schließlich will nicht jeder Leser alles erleiden, was er liest. Und auch das okay.

Fazit

Rebecca Hunt führt den Leser in eine eisige Zwischenwelt: Denn zwischen Schneestürmen und in Kadaver pickenden Möwen kämpfen zwei Forschungsteams unterschiedlicher Zeiten mit dadurch unterschiedlicher Ausrüstung ums pure Überleben. Everland ist nämlich nicht so schön, wie es in Reiseführern angepriesen werden würde. Everland ist hart, rau, eisig kalt, lebensgefährlich. Doch es gibt noch etwas Unberechenbareres als das Setting: Der Mensch. Denn wenn es ums Überleben geht, kann man niemanden mehr trauen. Manchmal nicht mal sich selbst.
Trotz detaillierter Beschreibungen und raffinierter Charakterentwicklung fehlt beim Lesen die emotionale Bindung an die Figuren und es will keine antarktische Atmosphäre die Lesecouch erfassen. Trotzdem ist Everland einen Ausflug wert.

Für zwischendurch, so als Ausflug in eine völlig fremde Welt, durchaus empfehlenswert. Eine Abenteuergeschichte, die – wie der Mensch selbst – unberechenbar bleibt.

Bewertung: 3 von 5 Lesebrillen!

Rebecca Hunt: Everland
Rebecca Hunt: Everland

Bibliografische Angaben:
EVERLAND | REBECCA HUNT
Erschienen am 13.06.2017 im Luchterhand Literaturverlag ⇔
Aus dem Englischen
Übersetzer pociao
Einzelband
ISBN: 978-3-630-87463-0
416 Seiten


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6 Kommentare

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  • Liebe Iris,

    Atmosphäre hin oder her, ich möchte aber nicht im Lesesessel erfrieren ;-).

    Spaß beiseite. Wie schade, denn der Titel und die Expeditionen klingen sehr vielversprechend und eisig interessant. Ich mag Schauplätze, die wie in einem Kammerspiel wirken. Aber wenn man die emotionale Bindung nicht aufbauen kann, wenn man sich in keiner Weise identifizieren oder Dinge nachempfinden kann, dann reicht es mir definitiv nicht, wenn du schreibst es sei ein empfehlenswerter Ausflug.

    Lieben Dank für die ausführliche Rezension.

    Viele Grüße

    Anja

    • Hallo Anja,
      mir hat es leider auch nur zu einem durchschnittlichen Lesevergnügen gereicht, weil ich ein emotionaler Leser bin und mir hier die Bindung zu den Figuren definitiv gefehlt hat. Wenn ich lese, will ich mitfiebern, mitleiden und von mir aus auch auf der Lesecouch die Unterkühlung spüren ;-). Und das fehlte mir hier einfach, auch wenn der Aufbau an sich wirklich gut gemacht ist und die psychologische Entwicklung sehr glaubwürdig umgesetzt wurde.
      Aber für Leser, die nicht so emotional lesen, sondern einfach nur in eine andere Welt – und das ist Everland ganz sicher – eintauchen möchten, ist dieses Buch dann doch vielleicht interessant.

      Liebe Grüße und eine schöne Woche dir!

    • Weißt du, manchmal glaube ich dass wir durch unser intensives und bewusstes Lesen eben diese Ausflüge in eine andere Welt nicht mehr erlauben und akzeptieren. Einerseits ist es schade, dass man mich nicht so leicht entführen kann, andererseits bin ich aber auch sehr stolz darauf ;-). Eine Zwickmühle, irgendwie.

      Liebe Grüße

      Anja

    • Umso länger man liest, umso mehr man liest, umso weniger wird man überrascht oder auch reingezogen. So geht es zumindest mir, wenn ich mir meine Bewertungen durchsehe. Vor vielen Jahren war ich viel leichter zu beeindrucken und manchmal ärgert mich das selbst, dass das nicht mehr so ist. Ich glaube, von Everland wäre ich begeistert gewesen, hätte ich es vor zehn Jahren gelesen.

      Eine Zwickmühle, du sagst es.

  • Also trotz deiner Kritikpunkte (absolut nachvollziehbar!) bin ich ein wenig neugierig auf das Buch. Oder liegts am Cover oder Columbo? 😉
    Hach, ich weiß nicht. Sollte es mir mal über den Weg laufen, blätter ich mich Sicherheit mal rein 🙂

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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