Ein Ex-Elitesoldat kämpft gegen die Übermacht der Mächtigen, denn eigentlich ist er in diesem ganzen Machtspiel als unschuldig Schuldiger vorgesehen. So Kriegsveteranen eignen sich halt perfekt als Sündenbocke. Doch auch wenn Oxen etwas aus der Übung ist, haben sie ihn unterschätzt. Gemeinsam mit Geheimagenten kämpft er für seine Unschuld. Und gegen sie. Politischer Krieg halt.


S

o ein bisschen traumatisierter Kriegsheld

Elitesoldaten haben uns, Otto-Normalbürgern der westlichen Länder, etwas voraus: Sie wissen, dass Krieg scheiße ist und es dabei nur Verlierer gibt.
So auch der Kriegsveteran Niels Oxen, der sich als professioneller Mülltaucher durch die Tonnen Kopenhagens kämpft. Und weil nicht nur „verkohltes Menschenfleisch stinkt“, sondern auch dahingammelnde Müllreste, drängt es ihn wohl in die Natur. In den größten Wald Dänemarks: Rold Skov.

Wer jetzt glaubt, im Siebenmeilenwald erwarten den Exsoldaten und seinen weißen Samojedenhund Whitey (oder Mr White) nur ein paar Kiefern, Fichten, Eichen, Birken und Brennnesseln, der täuscht sich. Vor allem erwartet ihn Regen. Und Hunger, denn für das Jagen mit Pfeil und Bogen ist unser Kriegsheld mit der höchsten dänischen Auszeichnung etwas aus der Übung.
Außerdem reist er nicht alleine, abgesehen von seinem Hund, hat er auch seine Sieben mit im Gepäck. Sieben, ist ja an sich so eine Zahl, die der Mensch gerne übernatürlich verwendet (man denke an die sieben Tage, an denen die Welt erschaffen worden sein soll, an die sieben Weltwunder, an die sieben Zwerge), steht sie doch für die Summe von drei und vier, für die Summe von Geist, Seele und Körper. Und in Oxens Fall für seine erlittenen Traumata.
Denn ja, auch das ist Krieg: Man bringt mehr mit, als man eingepackt hatte. Manchmal sind es Kuhmänner, in anderen Nächten kleine Mädchen mit Puppen oder aber alte Mütterchen mit abgeschlagenen Köpfen in ihren Einkaufsnetzen. Für das, was er als Andenken aus Bosnien, Kroatien und Afghanistan mitgebracht hat, hält sich unser Held aber erstaunlich gut. Okay manchmal ritzt er sich, weil er im Schmerz Frieden findet, trinkt Whiskey und raucht Gras, aber meistens sucht er nur die Abgeschiedenheit, um mit seinen Sieben alleine zu sein. Sind ja so was wie Familienmitglieder für ihn.
Naja, so traumatisierte Soldaten stelle ich mir doch etwas traumatisierter vor. Aber gut, er ist ja ein Held mit der höchsten Auszeichnung Dänemarks. Bei so einem läuft das sicherlich ganz anders. Ich habe ja auch keine Ahnung von Tapferkeitskreuzträgern.

Ein bisschen mehr auf den Hund gekommen

Jetzt will uns Jensen aber nicht die sieben auf einen Streich präsentieren, sondern nur das erste Opfer. Und da ist er auf den Hund gekommen. Den Anfang macht nämlich ein Rottweiler Rüde auf einer spanischen Finca, der wird mal eben so abgemurkst. Und auch im Wald, in dem sich Oxen zurückzieht, wimmelt es bald von aufgehängten toten Hunden.
Leider sterben die Hunde nicht, weil es dafür ein siebenfach schweres Motiv gibt, sondern einfach, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Blöd gelaufen, auch für Leser, die zumindest ansatzweise verstehen wollen, warum jemand – wenn auch fiktional – verwesen soll. Es muss ja alles einen Grund haben! Wenigstens in der Fiktion.
Blöd gelaufen ist es auch für Oxen, der, wie die Hunde, sich die Auszeit zur falschen Zeit am falschen Ort auswählt. Denn er stolpert bald schon über einen auf einem Baum aufgehängten Hund und einen Leibwächter im Schloss. Und schwupps ist er tatverdächtig, denn so traumatisierte Elitesoldaten sind ja per se tatverdächtigt, da stimme ich Jensen völlig zu. Wer das Töten lernt, tötet. Geht ja nicht anders. „Das war mein Job. Soldat sein.“ (Zitat S. 86)

Ein paar mehr Geheimagenten, Spitzendiplomaten und Lara Croft – Imitation

Jetzt können Kriegsveteranen aber nicht alleine ihre Unschuld beweisen, denn wie gesagt, das mit Pfeil und Bogen klappt schon nicht so gut. Und so stellt Jensen dem Helden eine Heldin an die Seite: eine „einbeinige Lara Croft“ vom PET (dem dänischen Inlandsnachrichten- und Sicherheitsdienst Politiets Efterretningstjeneste).
Das Problem neben Hundekadavern und Menschenleichen ist nämlich: Die Toten ohne Fell sind ganz schön prominent. Spitzendiplomaten werden reihenweise aus dem Weg geräumt und mit fast allen hatte Oxen schon einmal Reibereien.
Ein paar Sticheleien gibt es also im Buch. Korruption und Machtgefüge in höchsten politischen Kreisen, wer die Fäden zieht, zieht. Basta. Bis Oxen auftaucht, denn dem bleibt ja keine andere Wahl, als in dieses Wespennest zu stechen. Aber das kann er ja. Ist ein Soldat.

Und ein bisschen mehr Action am Ende mit – natürlich! – Sprengstoff!

Wer jetzt glaubt, das ganze Buch ist mit Action über und über vollgestopft, der irrt. Eigentlich wird es erst im letzten Drittel richtig actionreich, mit allem Pipapo, mit Verfolgungsjagden, Sprengstoffen, russischen Elitesoldaten und unterirdisch angelegten Überwachungsräumen. Anfangs gibt es zwar ein paar dahingemetzelte Diplomaten und natürlich viele, viele Personenschützer und Geheimagenten, die herumschwirren, beschatten, beschützen, versagen, aber jetzt nicht wirklich actionreich erzählt.
Und weil mir das zu lange gedauert hat, mir die Traumatisierung viel zu oberflächlich war, zu wenig überzeugend, konnte mich das Buch auch nicht in den Klammgriff nehmen. Mein Lesegenuss explodierte nicht, ich las. Nicht mehr, nicht weniger. Da gibt es noch Luft nach oben.

Trotzdem werde ich den zweiten Band noch lesen, denn die Thematik ist nicht nur die Übermacht der Mächtigen, sondern geht auch in Richtung Bruderschaft (Danehof gab es im Übrigen wirklich). Und da der erste Band nur den nördlichen Teil abdeckt, bin ich mir sicher, dass die Luft nach oben im Osten, Süden oder Westen noch genutzt wird. Hoffentlich.

Fazit

Leider konnte mich Oxen nicht zu hundert Prozent überzeugen, da ich mir traumatisierte Kriegsveteranen doch mehr traumatisiert vorstelle, als Oxen es ist. Das Trauma hätte man ruhig auf die Spitze treiben können, im Buch war dies für mich viel zu oberflächlich und harmlos dargestellt.
Trotz Hundetötungen und Morde am Anfang riss mich die Geschichte erst im letzten Drittel richtig mit. Erst da zeigt sich die Story um den Kampf gegen die Übermacht der Mächtigen in politischen Kreisen sehr actionreich. Überhaupt gewinnt die Geschichte erst gegen Ende an Substanz und macht neugierig auf mehr. Denn so Bruderschaften, Geheimdienste und politische Bauernopfer sind ja eigentlich eine gute Thematik für ein Buch. Leider dauert es, bis sich der Bogen wirklich spannt.
Eine überzeugende Thematik mit guten Grundideen, nur der Erzählaufbau und die Charakterisierungen konnten mich nicht völlig auf das Lesesofa fesseln.

Eine heldenhafte Geschichte, die aber noch Luft nach oben lässt.

Bewertung: 3 von 5 Lesebrillen!

Mehr Begeisterung zu Oxen gibt es bei:

Jens Henrik Jensen: Oxen - Das erste Opfer
Jens Henrik Jensen: Oxen – Das erste Opfer

Bibliografische Angaben:
OXEN – DAS ERSTE OPFER | JENS HENRIK JENSEN
Erschienen am 08.09.2017 im dtv Verlag ⇔
Aus dem Dänischen
Übersetzer: Friederike Buchinger
Originaltitel: De Hængte Hunde
Band 1 der Oxen-Trilogie
ISBN: 978-3-423-26158-6
464 Seiten


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6 Kommentare

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  • Liebe Iris,

    ich genieße deine Rezensionen in unfassbaren Maße. Ich mag es sehr, wenn du wortgewandt deine empfundene Kritik äußerst, immer auf der Suche nach Tiefe und Authentizität, und auf die Spitze treibst ;-).

    Jensen hat mir persönlich mit Oxen einen traumatisierten Elitesoldaten nahe gebracht, dessen Traumatisierung nach meinem Empfinden ausreichte, um mir das Schwerwiegende vorstellen zu können. Ich mochte es, dass die Geschichte erst mit der Weiterentwicklung der Handlung in Fahrt kam, nur das Ende ließ mich ein wenig kopfschüttelnd zurück.

    Viele liebe Grüße

    Anja

    • Hallo liebe Anja,
      was für ein Kompliment! Ich bin … höchst erfreut … und … etwas … sprachlos. 🙂 DANKESCHÖN!

      Ich liebe es, Rezensionen zu lesen, die nicht ganz meiner Meinung entsprechen. Für mich hat das etwas mit Vielfalt zu tun und auch damit, dass jeder Leser so individuell ist, dass dabei eben so unterschiedliche Bewertungen entstehen. Das finde ich ebenso faszinierend wie ein Buch zu lesen. 🙂
      Gerade das Ende fand ich etwas besser, auch wenn sehr überspitzt. Was mich jetzt an dieser Reihe hält, sind die anderen Vier der Sieben :-).
      Ganz liebe Grüße dir, Iris (die jetzt deinen Kommentar immer und immer wieder liest. Und wieder. Und wieder. :-))

  • Klingt irgendwie erstmal gut (ein bisschen nach Drifter) und dann aber auch wieder nicht. Meist sind die ersten ja die guten. Aber da er ja nicht so ganz ganz mies ist, wirds bei mir vielleicht das Hörbuch.

    Sehr schön übrigens dein Blog, das neue Layout kannte ich noch nicht.

    • Hallo Sebastian!
      Vielen lieben Dank! Nein, mies ist es wirklich nicht. 🙂 Viel Hörspaß dir! Bin schon gespannt auf deine Meinung. Liebe Grüße, Iris

  • Ich liebe deine Rezension!
    Und kann deine Kritikpunkte gut verstehen, habe ich ja ausführlich schon auf deinen Kommi bei mir beantwortet 😉 Ich war einfach ein Stückweit begeisterter, bin ich bezüglich Oxen und seines Traumas voll bei dir! Hoffe das dies in den Folgebänden mehr ausgearbeitet wird.

    Hab noch einen feinen Abend!

    • Hallo Janna,
      vielen lieben Dank! *hüpf*
      Ich hoffe auch, dass der Folgeband etwas zu legt, denn Oxen hätte ja an sich alles, was eine unvergessliche Hauptfigur braucht. Bin gespannt! Eine schöne Woche dir!

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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