Wenn alles immer okay ist, ist alles okay? Qualityland liest sich anfangs wirklich belustigend. Doch leider nervt mit der Zeit das wiederholende Androidenzeugs und am Ende war ich als Leser einfach nur froh, Qualityland wieder verlassen zu können. Mitgebracht habe ich zumindest einen Augenschmaus fürs Buchregal.


Schön gemachtes Buch! Ein Blick auf die dunklen Zwischenseiten von Qualityland.
Schön gemachtes Buch! Ein Blick auf die dunklen Zwischenseiten von Qualityland.

Das System sagt: Ich will das.

D

er Algorithmus hat mir „Qualityland“ ins Buchregal gespült. Unboxing-Videos auf Instagram, kurze Leseeindrücke bei Twitter, Linkverweise bei Facebook, … Okay, alleine dass diese Qualitylandtimelineüberschwemmung wieder aufhört, drücke ich bei dem Bestellformular den einzig verfügbaren Button: okay.

Okay. Okay.

Am Anfang dachte ich wirklich, das System hat recht, der Algorithmus hat voll ins Schwarze (ich habe übrigens die dunkle Ausgabe erworben) getroffen, das System macht keine Fehler, es liest sich wirklich unterhaltsam, obwohl es eigentlich eine Dystopie ist, aber mit satirischen Ansatz.

Wenn man Konzernen die Möglichkeit gibt, ein ganzes Land neu zu gestalten, nachdem eine gigantische ökonomische Krise dieses Land ins Aus gestürzt hat, kann das nicht gut gehen. Da hilft ganz sicher auch die helle Ausgabe nix.

Kreative sitzen zusammen, übertrumpfen sich gegenseitig in ihrer Kreativität, natürlich immer darauf ausgerichtet, möglichst die Kasse des Konzerns klingeln zu lassen. Herauskommt: Qualityland, ein Land der Superlative mit unterirdisch unkreativen Nachnamen, weil irgendwann vermutlich jede Kreativität auch erschöpft ist oder längst durch das System ersetzt wurde.
So gibt es für die Einwohner als Nachnamen einfach den Beruf der Mutter, des Vaters, zur Zeit der Geburt des eigenes Ichs. Herauskommen Qualitylands Einwohner namens Scarlett Strafgefangene, Claudia Superstar oder eben Peter Arbeitsloser. Was? Nicht witzig? Ist ja auch ernst gemeint. In Qualityland.

Diesen Peter Arbeitsloser begleitet der Leser. Also ich. An seiner Seite der digitale Niemand, der darüber entscheidet, was ihm gefällt, was nicht, in welchen Restaurants er isst, er bestellt auch gleich den Burger dort, der Peter nicht schmeckt. Aber das liegt sicher an Peter, Algorithmen sind fehlerfrei. Außerdem sucht Niemand Peters Freunde aus, mit denen er abhängt und von denen er zuverlässig schlechte Laune bekommt. Auch Peters Fehler natürlich. Klaro.

Denn das System macht keine Fehler. Basta.

Außerdem schwirren in Qualityland Drohnenlieferungen durch die Lüfte, die praktischerweise auch gleich das Unboxing-Video aufnehmen und online stellen. Praktisch, oder? Besonders wenn man quietschrosarote Vibratoren in Delfinform geliefert bekommt, versäumen die Freunde keinen lächerlichen Ausdruck ihrer launischen Freunde mehr. Solche Momente muss man doch festhalten! Das System hat recht.
Dann gibt es aber auch noch Androiden. So Maschinen in Menschenform und zum Teil mit Superintelligenzen ausgestattet. Das reicht vom Sexroboter, der seine Arbeit nicht mehr verrichten kann, weil er sich in eine Kundin verliebt hat, bis hin zum Präsidentschaftskandidaten John of Us.

Doch irgendwo versandet die Geschichte, die eigentlich sehr unterhaltsam begonnen hat, in …

Ich: #WillDasNicht

Vielleicht ist der Autor aber einfach auch nur genialer als genial (ihr wisst schon, Superlative: am genialsten!) und führt mit Qualityland sein ganz eigenes Experiment an uns Lesern durch. Dann bin ich wohl durchgefallen. Oder auch nicht.
Vielleicht ist es Absicht, dass dem Leser die Geschichte anfangs gut gefallen soll, so im Sinne der Beweisführung, dass dieses System fehlerfrei arbeitet: Ich will das. Abschalten, nichts denken müssen, einfach mitschwimmen. Ist ihm bei mir gelungen.
Vielleicht ist es Absicht, dass dieses Gefühl beim Lesen dann umschwappen soll, dass man nur noch genervt sein soll von all diesen Roboterkram, monokulturellen Erweiterungsmöglichkeiten, dass der Leser dann denkt: ich #WillDasNicht. Hundertprozent zutreffend bei mir.
Wenn dem so ist, dann sollten wir John of Us durch den Autor ersetzen. Denn die Beweisführung ist ihm gelungen, finde ich. Ein System, das auf dem ersten Blick unterhaltend ist, auf dem zweiten Blick aber nur noch den Hashtag „ich #WillDasNicht“ unterstreicht.
Anfangs gut zu lesen, mittendrin ermüdend, gegen Ende nur noch nervig.

In Qualityland ist halt alles nur okay.
In Qualityland ist halt alles nur okay.

Fazit

Ein Pionier ist Marc-Uwe Kling schon. Denn „Qualityland“ ist eine lustige, satirische Dystopie über eine durchdigitalisierte Gesellschaft, in der Algorithmen sogar die Partnerwahl übernehmen. Anfangs ist es wirklich lustig zu lesen, wie die Figuren völlig normal auf Androiden und Kampfrobotern eingehen, mit Lieferdrohnen und Autos Gespräche führen, aber spätestens bei den Sexandroiden oder rosafarbenen Delfinvibratoren ist auch mal Schluss mit lustig. Und tja, selbst die Nachnamen der Figuren (Peter Arbeitsloser, …), oder der Politikerandroide John of Us sind halt nur okay. Sie ragen halt alle nicht sonderlich hervor, obwohl sie eigentlich total abwegig sind. Also wieder einfach nur okay.
Ebenso wie die Sprache, die mich zwischendurch an Kinderbücher erinnert hat. Einfach, für alle verständlich, damit wohl niemand beim Lesen denken muss, weil Niemand das schon längst übernommen hat. Nur den Okay-Button muss man noch selbst drücken. Oder küssen.
Irgendwann hat mich die Geschichte aber nur noch genervt. Vielleicht ist das ja so gewollt, dann Hut ab (oder den Okay-Button drücken), aber in einem Land, einem Buch, in dem alles nur noch okay ist, ist es eben nur okay – auch bei mir, dem Leser.

Aber die Aufmachung des Buches ist top! Schön gemacht.

Kurzfazit: Okay.

Bewertung: Knappe 3 von 5 Lesebrillen!

Marc-Uwe Kling: Qualityland
Marc-Uwe Kling: Qualityland

Bibliografische Angaben:
QUALITYLAND | MARC-UWE KLING
Erschienen am 22.09.2017 im Ullstein Verlag ⇔
Aus dem Deutschen
Einzelband
ISBN: 978-3-550-05015-2
384 Seiten

Webseite zum Buch: Qualityland.de ⇔


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6 Kommentare

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  • Haha, sehr schön, na ja, wenn alles „ok“ ist, ist doch alles „ok“. 😀 Ich kann deine dargelegte Kritik aber gut nachvollziehen, bin dann gespannt, wie es mir damit ergeht. Beim Känguru war natürlich das Känguru ansich die Sensation, ein sprechendes Känguru, ein klugscheißendes, politisch engagiert, daraus ließ sich extrem viel Spaß ziehen. Wie gesagt, bin sehr sehr gespannt! 🙂

    • Qualityland war mein erstes Kling-Buch, die Känguru-Chronik habe ich mir jetzt aber mal notiert, vielleicht versuche ich die mal.
      Bin schon gespannt, wie Qualityland bei dir ankommt!

      PS: Okay mag ich überhaupt gar nicht. Rezensionen zu okay-Büchern fressen bei mir immer so viel Zeit, weil ich oft nix zu sagen habe, außer: okay. 😝 Da sind mir sogar Verrisse lieber, da weiß ich wenigstens, was mich gestört hat, weil das eben nicht okay war (für mich jedenfalls). 😄 Aber diese 3-Sterne-Bücher … sind harte Rezensionsarbeit für mich. 🤕

    • Geht mir ganz genauso, „ok“ ist immer schwer auszuführen. Zeitfresser. Da zieht man sich selbst jedes Wort aus der Nase. (So herum verwendet, klingt die Redewendung schlicht unappetitlich. Hab ich bei „Lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.“ noch nie bedacht. :D)

  • Hey 🙂

    Nach deiner Rezi bin ich jetzt noch neugieriger geworden 😀 … Aber gut, es subbt ja sowieso schon als E-Book bei mir. Da war nur so ne Kleinigkeit namens Buchmesse, die mir in den letzten Tagen die Zeit gestohlen hat 😉 .

    Das permanente Ok kommt aber wahrscheinlich durch den Google Sprachassistenten, oder? Aaaah, ich muss endlich mal schauen, dass ich wenigstens über die ersten paar Seiten hinauskomme …

    Liebe Grüße
    Ascari

    • In Qualityland gäbe es jetzt nur den Button OKAY, aber hier im Blog … ICH SAGE NIX. 😉 Bin viel zu neugierig, wie das Buch bei dir ankommt!

      Kann mir vorstellen, dass die FBM so ein bisschen vom Lesen ablenkt. 😁 Hoffe, du hast viele Entdeckungen machen können!

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

LITERARISCH KRIMINELL VERANLAGT.

Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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