Ein neuer Krist! Ein neuer Ermittler! Eine neue Reihe! Eine ungewohnte Reihe. Es geht nach Berlin mit Henry Frei, der bald schon neben den Mord in einem Hotelzimmer auch eine verschwundene Jugendliche suchen muss und sich dabei auch an jemanden wenden muss, mit dem er ein dunkles Geheimnis teilt.
Rasant zu lesen für alle Thrillerfans und mit Mehrwert für Leser, die etwas Besonderes suchen. Denn der Aufbau der Reihe verspricht Abwechslung.


Berlin und seine Gesichter

B

erlin ist ja an sich eine schöne Stadt. Der Autor Martin Krist ist hier zu Hause und zeigt uns gerne mal schöne Berliner Plätzchen auf seinem Instagram Account. Auch sein neuer Kommissar Henry Frei ist Berliner, wohnt in Grünau inmitten hübscher Einfamilienhäuser, gepflegten Vorgärten und schönen Spielplätzen. Ja, Berlin kann schön sein. Kann.
Angepasst scheint Henry Frei in diese nach außen hin so ordentliche Umgebung. Denn dieser Mann hat einen Tick: Er ist die Ordnung in Person, richtet selbst Akten farblich sortiert in den Fluchten der Regale aus und im Gegensatz zu den ganzen anderen Thrillermainstreammatschhelden, in denen die Hauptkommissare entweder saufen, weibern oder selbst zermatscht aussehen, ist Frei verheiratet, hat eine pubertierende Tochter und einen Sohn mit Asperger-Syndrom und natürlich ist seine Kleidung fuselfrei.

Aber Berlin kann auch eine hässliche Fratze sein. Beengte Zweiraumwohnungen in den Mietsilos Spandaus mit Schlaglöchern auf den Straßen und maroden Bürgersteigen vor der Haustür, kruden Graffitis an den Mauern, bewohnt von „Arbeitslosen, Ausländern, Halbstarken und Kriminellen“. Und von Suse Pirnatt und ihren Kindern Jaqueline, Dennis und ihrem Baby.
Ein ganz anderes Gesicht Berlins. Ebenso wie die Lebensumstände der Berliner. Denn Suse arbeitet in einer Drogerie, einem Job, den sie hasst, den sie braucht, kommt mit ihrem Geld gerade mal so über die Runden, hetzt zwischen Job und Mutter sein hin und her, und ist mit dem Leben total überfordert.

Gegensätzliche Welten, die so eng beinnander liegen. Das lässt Berlin in einem anderen Licht erscheinen.

Nun ist „Böses Kind“ aber ein Thriller und kein Städteporträt. Und somit gibt es auch gleich mal eine Tote. Eine strangulierte Frau in einem Hotelzimmer. Da Suses Leben selbst für den Leser unerträglich ist, – denn ja, mit dieser Frau, die so gar kein Glück in ihrem Leben findet, leidet man mit, – verschwindet auch noch ihre Tochter. Spurlos.
Jetzt wohnt Suse aber nicht in Freis Gegend und so nehmen bald alle an, dass Jaqueline ausgerissen ist. Weg von ihrer überforderten Mutter, die so gar nichts auf die Reihe zu kriegen scheint.
Nur der Leser ahnt mehr. Kleine Details deuten darauf hin, dass das Böse in den Schatten Spandaus lauert. Zwischenkapitel zeigen ein Verlies, in dem man über Hirnmasse stolpert (also nix für Zartbesaitete!). Das alles liest sich spannend, wechselt ab zwischen Wut und Abscheu so mancher Vorurteile gegenüber Silobetonbewohnern und Mitleid mit einer Frau, die für eine große Gesellschaftsgruppe stellvertretend steht. Und dazu noch dieses Verlies. Das Grauen der brutalen Zwischenkapitel.
Man fegt als Leser durch die Seiten. Richtig thrillig, rasant, voll böser Erwartungen, die sich böse erfüllen.

Und wer jetzt ganz genau auf das Buchcover geachtet hat, der sieht neben dem Titel „Böses Kind“ noch einen Namen. Denn auch wenn Frei so richtig bürgerlich daherkommt, versteckt er wohl mehr Flusen unter seinem Unterhemd als so mancher Spandaubewohner. Aber wir wollen ja nicht mutmaßen oder womöglich spoilern. Lesen!

Martin Krist schlägt neue Töne an. Gewohnt spannend, aber weniger komplex ist dieser Thriller zu lesen und von daher für die breite Leserschaft geeignet. Aber es ist kein Mainstream-Matsch, den Krist uns hier auf die Lesecouch beamt, denn wer Krists Thriller kennt, der weiß, dass er gerne mehrere Fäden zieht. Und so ist es auch in „Böses Kind“. Ein monumentaler Cliffhanger, der sich durch die Seiten zieht und ich wette, durch die nächsten Bände. Das kann nur einem Martin Krist gelingen, dass ich jetzt schon erwartungsvoll auf den zweiten Frei warte, weil ich wissen will, wohin die anderen Fäden führen.
Zudem finden gesellschaftskritischliebende Leser zwischen den Zeilen einen Hauch Kritik an der Stadt. Und zwar so gut in die Handlung integriert, dass es vermutlich nur gesellschaftskritiksuchenden Lesern auffällt. Ich finde das wunderbar gelungen. Einerseits spannenden Thrillerlesegenuss, andererseits dieser Mehrwert, dieses Entdecken der Schattenseiten Berlins.

Aber ich wäre nicht die Leserin, wenn ich nicht auch auf besonders hohen Niveau pingeln würde. So eine klitzekleine Kritik hätte ich nämlich schon: Suse ist so charakterstark gezeichnet, dass sie der Hauptfigur, dem Kommissar Henry Frei, ein bisschen das Rampenlicht stiehlt. Aber das ist der erste Band, von daher gehe ich davon aus, dass Frei spätestens beim nächsten Band ebenso oder stärker auf die Bühne tritt. Gestört hat es den Lesefluss nicht. Und deswegen freue ich mich einfach auf die Fortsetzung.

Fazit

Gewohnt spannend und rasant liest sich „Böses Kind“ in einem Rutsch durch. Eine Jugendliche aus Spandau verschwindet, während Frei sich um eine strangulierte Frau kümmern muss. Bald hat er zwei Fälle an der Backe und muss sich wegen dem Fall einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit stellen.
Das neue Team um Frei verspricht dem Leser noch einige Überraschungen. Die neue Umsetzung (drei Fäden, die Krist zieht) lässt die Erwartung an diese Reihe in Höhe schnellen. Und trotzdem liest sich der Thriller weniger komplex als Krists Vorgängerthriller, so dass dieses rasante Thrillervergnügen mit gutem Gewissen an alle Thrillerliebhaber verteilt werden kann.

Ein guter Auftakt der Lust auf mehr macht!

Ein rasanter Thriller mit bösen Erwartungen, die sich böse erfüllen.

Bewertung: 5 von 5 Lesebrillen!

Martin Krist: Böses Kind
Martin Krist: Böses Kind
Bibliografische Angaben:
BÖSES KIND | MARTIN KRIST
Erschienen am 20.11.2017 als Selfpublishing ⇔
Aus dem Deutschen
Band 1 der Henry-Frei-Reihe
ISBN: 9783739399850 (Ebook)
320 Seiten


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3 Kommentare

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  • Hallo Iris,
    was für eine genial gelungene Rezension.
    Jetzt habe ich so großes Lust auf diesen neuen Ermittler und seine Familie. Scheint ja ein besonderer Typ zu sein, auch wenn er nicht säuft 😉 Und diese Suse reizt ja auch.
    Wenn dann noch gesellschaftskritische Themen eingebunden sind – perfekt.
    Dann warte ich mal auf das Print. Liebe Grüße und eine schöne Woche für dich Kerstin

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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