Eine Fieberepidemie hat beinahe die Weltbevölkerung ausgerottet. Nico und sein Vater haben überlebt und möchten eine neue Siedlung gründen. Doch mit Menschen zusammenleben heißt auch: Erst schießen, dann fragen, sonst bist du tot. Eine sehr kritische Geschichte über die Spezies Mensch.


Der Mensch schafft sich ab

J

etzt ist es ja so, dass Afrika – bis auf ein paar wenige Städte aus den hochglänzenden Tourismusmagazinen – nicht unbedingt zu dem Land gehört, in dem man im Allgemeinen gerne geboren werden möchte. Schuld daran sind wir. Menschen. Denn es ist ja schon so, dass wir dieses Land, diese Leute, ausbeuten. Und auch die Afrikaner selbst, Menschen wie wir, hassen einander und machen sich das Leben noch schwerer als es ohnehin schon ist.

Jetzt ist es aber auch so, dass wir in einer Welt leben, die von Ausbeutung lebt. Nicht nur Menschen beuten Menschen aus, sondern Menschen beuten die Natur aus. Überfischung, Plastikverseuchung, Überbevölkerung. Und das alles für Macht, Geld, Reichtum. Und noch mehr Reichtum für ein paar wenige. Und noch mehr Reichtum für noch wenigere.

Damit muss Schluss sein. Denkt sich der Mensch. Und Deon Meyer setzt den Gedanken gleich mal – okay, nicht so nebenbei, sondern nach vier Jahren Recherche und Schreibarbeit – in die fiktionale Wirklichkeit um. Und das sieht jetzt nicht unbedingt nach einem erstrebenswerten Gedanken aus. Denn dann will man nicht nur eine Geburt in Afrika verhindern, sondern kleine Seelen würden weltweit ein Erwachen auf dieser Erde verweigern wollen. Denn es geht nämlich noch düsterer.

Vor dem Fieber war Afrika schon ein hartes Pflaster. Wir alle kennen ja Geschichten von Korruption, Rassismus, Mord, Hungersnöte, Epidemien , Impfexperimente aus unserer Welt, aus Afrika. Nach dem Fieber ist es aber auch nicht besser, obwohl von einer Überbevölkerung keine Rede mehr sein kann. Denn das Land ist wie leergefegt.
In diesem Afrika, das einem Geisterplaneten gleicht, ist Nico mit seinem Vater unterwegs, die das Fieber überlebt haben. Verlassene Farmen, ausgestorbenen Dörfer, menschenleere Städte. Das Fieber hat fast alle Menschen dahingerafft.
Nun könnte man annehmen, dass dies ein guter Grund für ein positives Miteinander sein könnte, wenn sich dann die ganz, ganz wenigen Überlebenden doch mal über den Weg laufen. Zusammenhalten in dieser schweren Zeit. Ressourcenknappheit müsste ja der Vergangenheit angehören. Kein Grund mehr, um einander zu bekriegen, zu neiden. Viel ist eh nicht mehr übrig von der alten Welt.

Tja, würde vielleicht auch klappen, wenn nicht der Mensch in dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung dazwischenfunken würde. Deon Meyer sagt zwar, Menschen seien wie Tiere. Ich komme nach der Lektüre zum Schluss: Sind sie nicht. Sie sind schlimmer.

Als Leser weiß man, dass Nico diese postapokalyptische Welt überlebt hat. Denn mittlerweile ist er selbst 47 Jahre alt und erzählt die Geschichte seines ermordeten Vaters. Und seiner Kindheit, seiner Jugend, der Zerstörung durch das Fieber. Oder des Menschen. Ansichtssache.

Nichts ist mehr so wie es einmal war. Selbst die Jahre tragen keine Zahlen mehr, sie werden Tieren zugeordnet. So steht das Jahr der Krähen dafür, dass Nico fünfzehn Jahre alt geworden ist, dass Amanzi 1200 Einwohner zählt, dass viele Krähen aufgrund des ökologischen Gleichgewichts sterben.

Amanzi. Kennt ihr ja nicht. Amanzi hieß früher Vanderkloof, eine Talsperre in Südafrika und der Ort, an dem Nicos Vater Willem eine neue Siedlung gründet. Die Siedlung wächst, Nahrungsmittel werden erzeugt, Vorräte angelegt, sogar Elektrizität kehrt wieder zurück.

Und doch ist alles so wie es immer war. Amanzi klingt wie eine Oase in dieser dystopischen Welt. Ist sie aber nicht. Ihr wisst ja, wie das mit Menschen so ist. Draußen treiben Gangs ihr Unwesen, jede Begegnung mit der eigenen Art bedeutet eine 50-50 Chance zu überleben. Kleiner Tipp: Am besten man drückt als Erster ab, das steigert die Überlebenschance in dieser Postapokalypse.

Aber zurück zu Nico. Seinem Vater. Und Amanzi. Wie es so typisch ist für so eine Postapokalypse ist danach nichts mehr in Ordnung. Neue Strukturen müssen sich bilden, ansonsten ist man als Mensch ziemlich aufgeschmissen. Struktur und Ordnung und so.

Ich möchte hier mit dir zusammen einen Neuanfang machen. Eine Gemeinschaft gründen, die moralisch handelt, ethische Grundsätze hat, in der Mitmenschlichkeit herrscht.
Zitat aus dem eBook, Pos. 570

Willem hat nun also diese Siedlung gegründet, eine Zufluchtsstätte regiert von Weisheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit, die Grundtugenden in einem idealen Staat, wenn es nach Plato geht. Oder nach Willem. Menschen ziehen ein. Aber draußen vor Amanzi wüten Gangs, die alles und jeden überfallen, Ressourcen klauen, Menschen töten, Frauen gefangen nehmen. Irgendwie klingt das wie vorher. Wie vor dem Fieber. Nur halt ist die Gegend viel zerstörter und zerfallener. Der Mensch ändert sich einfach nicht.
Drinnen in Amanzi wütet ein Komitee, prallen Meinungen aufeinander, unterschiedliche Auffassungen von Führung einer solchen Amanzi-Siedlung. Wie gesagt: Der Mensch ändert sich nicht.

Erzählt wird die Geschichte rückblickend. Es sind Nicos Memoiren, die Geschichte eines Mordes, die Geschichte seines Lebens, die Geschichte eures Lebens, wie er sie nennt. Seine Wahrheit über die Zeit nach dem Fieber.
Dazwischen gibt es Aufzeichnungen, die Willem gesammelt hat, so dass auch verschiedene Einwohner Amanzis zu Wort kommen.

Jetzt könnte man meinen, 700 Seiten über eine Besiedelung nach einer Fieberepidemie könnte ganz schön langweilen.
Tut sie nicht. Denn Menschen sind zwar unmenschlich, aber eben nicht langweilig. Deon Meyer hat als Hauptfigur unschuldige Kinderaugen gewählt, denn anfangs ist Nico 13 Jahre jung, mit seinem Vater unterwegs. Er versteht es nicht, warum Hunde so böse sein können, dass sie völlig grundlos auf Menschen losgehen. Er versteht es nicht, warum Männer Frauen fesseln, sie behandeln wie Vieh. Und ganz oft versteht er seinen Vater nicht, findet ihn schwach, kraftlos, weil er keinen erschießen kann, weil er noch immer versucht, mit Worten die Welt zu verbessern, so dass Nico derjenige ist, der die Waffe dazu gebraucht, wofür Waffen ursprünglich produziert wurden: zum Töten.
Denn Nico ist nicht nur Kind seines Vaters, sondern auch „das Kind seiner Mutter“.

Die Facetten der Menschlichkeit werden in allen Farben gezeigt. Unschuldig und schuldig, böse und gut, und auch alles dazwischen. Denn jeder Mensch ist anders, jeder handelt anders in dieser Welt und in einer postapokalyptischen Welt sowieso. Manche legen sich zum Sterben hin, warten ab, andere holen sich, was noch zu holen ist, wieder andere nutzen die Gesetzlosigkeit um so richtig gesetzlos zu leben und anderen führen Menschen an einen besseren Ort und geben den Glauben an das Gute im Menschen nicht auf. Der Mensch ändert sich nicht.

Das Leben ist ein Krieg. Ein Krieg um Ressourcen. Vor dem Fieber. Und nach dem Fieber auch noch. Nichts ändert sich, denn der Mensch bleibt Mensch. Oder handelt wie ein Tier.

Eine sehr kritische Geschichte über eine kritische Zeit, die zeigt, wie es sein könnte, was niemand wirklich will. Gut erzählt, 700 Seiten, die sich lohnen. Zum Nachdenken, zum Erleben, zur Warnung mit einem Schuss am Ende, der verdeutlicht, wie rücksichtslos, egoistisch und verkommen der Mensch wirklich ist.
Das hat er gut gemacht, der Herr Meyer!

Fazit

Wenn man bedenkt, dass Deon Meyer vier Jahre recherchiert und an diesem Buch geschrieben hat, dann kann man sich nur wundern, dass er diese Welt noch nicht freiwillig verlassen hat. Denn so richtig lebenswert ist Menschsein nicht, wenn es nach dieser kritischen Postapokalypse geht.
In einer dystopischen Welt zeigt Meyer vor allem eines: Der Mensch handelt im Wohlstand und in einer zerstörten Welt vor allem: unmenschlich. Es geht immer um Ressourcen, um Ausbeutung, um den Kampf, dass die Härteren überleben. Und alle anderen auf der Strecke bleiben.
Gut und unterhaltsam erzählt Nico die Geschichte seines Lebens, den Mord an seinem Vater, die Gründungszeit der Siedlung Amanzi, die Hoffnung, die Rückschläge. Dazu kommen Stimmen der Einwohner, die so unterschiedlich sind wie die Blumen, die hoffentlich irgendwann mal wieder sprießen, wenn sich die Natur von den menschlichen Parasiten erholt hat.
Es ist ein Buch der Zerstörung. Auch der Zerstörung an den guten Glauben ans menschliche Dasein.
Wer kritische Unterhaltungsgeschichten mag, soll sich von der Dicke des Buches nicht abschrecken lassen. Jede Seite ist es wert, gelesen zu werden. Auch wenn man am Ende an Menschlichkeit zweifelt, so wiegen die kleinen Hoffnungsfunken den Zerstörungsdrang der Menschen auf.

Eine erschreckende Zeichnung des Menschseins in einer postapokalyptischen Welt, die unterhält und zum Nachdenken anregt. Und wieder einmal ist der Mensch an seinem Untergang selbst schuld.

Bewertung: 5 von 5 Lesebrillen!

Deon Meyer: Fever
Deon Meyer: Fever

Bibliografische Angaben:
FEVER | DEON MEYER
Erschienen am 09.10.2017 im Ruetten & Loening Verlag ⇔
Seiten: 702
ISBN: 978-3352009020
Übersetzt aus dem Afrikaans
Übersetzt von Stefanie Schäfer
Originaltitel: Fever
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12 Kommentare

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  • Oh du hast es schon gelesen! 😀 Ich habe mir auf der Messe eine Leseprobe mitgenommen, weil es interessant klang und ich dachte, das probierst du mal. Nach deiner Rezension spare ich mir vermutlich die Leseprobe und hole mir gleich das ganze Buch 🙂

    Gruß
    Annett

    • Sehe ich auch so. Buch! 🙂 Ich denke, zu dir passt es ganz gut. Ist etwas kritischer als die „normalen“ dystopischen Postapokalypsengeschichten, aber dennoch unterhaltend zu lesen und für die breite Masse geschrieben. Hat er wirklich gut gemacht … und die 700 Seiten sind erstaunlich schnell gelesen. Liebe Grüße dir, Iris

  • Liebe Iris,

    wie gut dass dieses Buch „eigentlich“ nicht in mein Beuteschema passt. Doch deine Rezension klingt unglaublich verlockend, so dass ich ernsthaft überlege…. Vier Jahre Recherche ist schon gewaltig.

    Viele liebe Grüße

    Anja

    • Ja, vier Jahre finde ich auch viel. Er hat viele Details verwoben in der Geschichte, beim Lesen merkt man es gar nicht (liest sich nämlich sehr unterhaltend), aber am Ende denkt man: Wow, da steckt so vieles in den Zeilen. Deon Meyer ist auf alle Fälle gleich mal auf meiner Favoritenliste gelandet (war nämlich mein erstes Buch von ihm und gaaanz sicher nichts das letzte).
      Wenn du kritische Dystopien magst, würde ich es lesen. 🙂

    • Das ist es ja, Dystopie sind so gar nicht meins. Ab und zu verirrt sich so ein Buch zu mir ;-). Sollte ich darauf mal Lust haben, dann wird es sicher dieser Titel sein.

      Liebe Grüße

      Anja

  • Huhu Iris,
    via Twitter hast du mich ja schon auf das Buch aufmerksam machen können und nach deiner Rezension klingt es ganz nach etwas das ich lesen will! Memoiren und Facetten des Menschen, Mord und Dystopie – schreit nach mir. Ich hoffe das mich 700 Seiten ebenso fesseln können – bin ja eher die 300 bis 500Seitenleserin 😀

    • Hallo Janna,
      da kann ich dich total beruhigen, weil ich normalerweise – wie du – dicke Schinken überhaupt nicht lesen mag und ich meistens finde, dass bei 700 Seiten mindestens 200 total überflüssig und total langweilig sind. Aber hier lesen sich die 700 Seiten wie 450. Ich hätte nix gekürzt (was ich normalerweise immer bei so dicken Büchern mache). Am Ende habe ich das Buch gar nicht als Wälzer empfunden. (Allerdings habe ich das eBook gelesen, in der Hand fühlen sich vermutlich 700 bedruckte Seiten immer wie 700 bedruckte Seiten an 🙂 ).
      Lass dich von der Seitenzahl nicht abschrecken, die merkst du gar nicht.

    • Es wandert definitiv auf die Wunschliste, ob es dann Print oder eBook wird, mal sehen – wobei ich ja Print zwar bevorzuge, aber dieses Jahr auch das elektrische Format für mich entdeckt habe 😉

    • Momenten lese ich auch wieder vermehrt Print. Ich habe bemerkt, dass ich Prints langsamer als eBooks lese und dadurch besser entspannen kann. Allerdings habe ich noch Regengötter von Burke im Hinterkopf. Damals hatte ich mir zuerst das Print gekauft, es angefangen zu lesen, aber das lag so schwer in Händen, dass ich nun bei Büchern über 500 Seiten generell lieber gleich zum eBook greife :-). Brauche beim Lesen ja kein Krafttraining. Obwohl auf Fotos sieht Print einfach viel besser aus.

    • Beide Format haben in unterschiedlichen Bereichen ihre Vor- und Nachteile 😉 Zum Thema Fotos kann ich mich gar nicht viel äußern, ob Print oder Ebook, dieses in Szene setzen und tolle Bilder machen liegt mir leider, leider nicht …

      Ich denke bei „Fever“ wird es wohl doch das e-book werden
      (herrje, wie ist eigentlich die korrekte schreiweise von E-Book???)

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

LITERARISCH KRIMINELL VERANLAGT.

Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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