Seine Sprache ist herb, seine Ausdrucksweise heftig. Er nimmt kein Blatt vor dem Mund. Sein Name: David Granger. Vietnam-Kriegsveteran. Sein Wohlfühl-Outfit: Tarnklamotten. Immer dabei: eine Waffe. Ein Rassist, wie man sich ihn vorstellt. Oder etwa nicht?


Eine rassistische, wahnwitzige Veteranengeschichte mit Stil!

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ntgegen aller Vorurteile
David Granger ist ein Vietnam-Veteran, der von den Grauen des Krieges noch immer heimgesucht wird und sich von der Regierung nach wie vor verfolgt fühlt. Er läuft ständig in seinem „Wohlfühl-Outfit“ herum: Tarnhose, Jacke und Fischerhut, und natürlich hat er sein eigenes Waffenzimmer zu Hause. Den Ärzten, die sein Gehirn operiert haben, traut er nicht, er ist sich sicher, Teile seiner Erinnerung herausgeschnippelt bekommen zu haben, damit das Lügengerüst der Regierung, oder der „Club der Feiglinge“ wie er sie nennt, aufrecht erhalten bleibt.

Ich bin außerdem hundertprozentig sicher, dass mein Chirurg, wo er schon mal in meinem Schädel drin war, auf Anweisung der US-Regierung einen Teil meines Gedächtnisses rausgeschnitten und die wichtigen militärischen Infos getilgt hat, die ich mal wusste. Aus reinem Sadismus hat er persönliche Erinnerungen an meine Frau und mein Leben vor der OP gleich mit rausgesäbelt.
Zitat aus dem Ebook, Pos. 31-34

Überhaupt ist er sich sicher, dass er „Agent Orange“ geschädigt ist und die Regierung das vertuscht. Sein Verfolgungswahn geht so weit, dass er immer wieder von einem Indianer namens Clayton Fire Bear tuschelt.

Gegensätze

Nach der Operation zieht er widerwillig zu seinem Sohn Hank, denn Vater und Sohn sind vor allem eines: gegensätzlich. David ein Erz-Republikaner, sein Sohn ein „verweichlichter Linksliberaler“. Ständig streiten die beiden, denn Hank sieht seinen Vater als den totalen Rassisten an.
Doch wie rassistisch ist David Granger wirklich? Seine derbe Sprache lässt ihn sofort in die Klischeekiste fallen, wenn er von „Schlitzaugen, Pyjamaträgern, Homos, Windmühlenschlampen, Dschihad-Jennys, Flower-Power-Händchenhalter, iranischen Sauhunden, …“ spricht. Deckel zu. Aber ist der Mensch wirklich so leicht einzuordnen?
Deckel wieder auf. David Granger will seinem Sohn beweisen, dass er eben kein „Scheißrassist“ ist und stellt seinem Sohn seine Freunde vor, darunter ein Schwulenpärchen, das er sehr schätzt, eine vietnamesische Frau, die er als eine Art Ersatztochter ansieht, und so weiter. Im gleichen Moment, in dem er rassistische Äußerungen von sich gibt, im gleichen Moment schätzt er sie auf die eine oder andere Weise, vor allem auf seine Weise.
Herrlich widersprüchlich lässt sich das dann lesen und immer wieder wird der Leser dazu aufgefordert, Vorurteile abzulegen, genau hinzusehen, hinzuhören, nachzudenken. Auch wie David seinen Sohn darstellt, macht nachdenklich. Denn der linksliberale Sohn hat nämlich keine Freunde anderer Rassen, er redet nicht rassistisch, aber er handelt auch nicht aktiv antirassistisch.
Da fragt sich der Leser natürlich: Was zählt mehr? Das, was jemand von sich gibt oder das, wie er dann tatsächlich handelt und lebt? Oder beides?

Unterhaltsam, nachdenklich, prägend

David Grangers Sprache ist unterhaltend derb und heftig, was sicherlich nicht jedem Leser gefallen wird. Denn er erzählt seine Geschichte so frei nach Schnauze, ohne Rücksicht auf gesellschaftsfähige Normen und Ausdrucksweisen. Mir hat die Sprache sehr gut gefallen, denn obwohl die Geschichte sehr ernst ist, so unterhaltend erzählt der Veteran diese, was immer wieder zum Lachen während des Lesens führt. Wieder Gegensätze, die sich im Stil spiegeln.

Die Geschichte selbst ist ernster Natur. Denn David Granger will noch vor seinem Tod (sofern dieser eintritt, denn böse Menschen leben ewig, sagt er, und er war sehr böse), mit dem Vietnamkrieg abschließen. Seinen Sohn will er beweisen, dass er kein Rassist ist, und mit seinem Erzfeind aus dem Vietnamkrieg Frieden schließen.
Da hat sich der Veteran mit seiner Lebensgeschichte einiges vorgenommen, denn Schuld und Sühne, Werte und Anstand, Vorurteile, Klischees, politische Heuchelei, Kriegsfolgen, Lebensschicksale sind nur einige Punkte, die in diesem Buch abgehandelt werden. Aber die hat er, meiner Meinung nach, sehr gut in die Geschichte verwoben und mit dem besonderen Stil unterstrichen.

Auf alle Fälle ein Buch für Leser, die einen eigenwilligen Stil lieben und sich über das Schwarz-Weiß-Denken unserer Zeit eine eigene Meinung bilden und davon hinausdenken wollen.

Fazit

Ein herrlich eigenwilliger Erzähler, dieser David Granger, Kriegsveteran mit Verfolgungswahn, erzählt dem Leser lebendig über Vorurteile und Schwarz-Weiß-Denken. Das Buch macht nachdenklich, denn es zeigt vor allem eines: Wir sollten nicht so sehr auf das achten, was aus einem Mund rauskommt, sondern viel mehr auf das, was jemand wirklich tut.
Wer eine derbe Sprache liebt, sich auf eine total eigenwillige Hauptfigur mit guten und schlechten (menschlichen) Eigenschaften einlassen will, der wird durch dieses Buch nicht nur gut unterhalten, sondern auch dazu angeregt, über das Gelesene nachzudenken.

Ein Buch, das für anspruchsvollere Leser voll ins Schwarze trifft und mit der eigenwilligen Sprache besondere Lesestunden liefert.

Bewertung: 4 von 5 Lesebrillen!

Matthew Quick: Anstand
Matthew Quick: Anstand

Bibliografische Angaben:
ANSTAND | MATTHEW QUICK
Erschienen am 09.10.2017 im HarperCollins Verlag ⇔
Seiten: 304
ISBN: 978-3-95967-135-4
Übersetzt aus dem Amerikanischen
Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Originaltitel: The Reason You’re Alive
Einzelband


Die Leserin

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7 Kommentare

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  • Danke für deine Eindrücke und diesen besonderen Buchtipp! Ich werde mir die Tage auf jeden Fall mal die Leseprobe gönnen und schauen, ob ich auch sprachlich Zugang zu dieser Geschichte finde. Inhaltlich ist es auf jeden Fall topaktuell und wirkt authentisch. Das Buch und du haben natürlich Recht: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern viele Facetten dazwischen, auch bzw. gerade wenn es um das Thema Toleranz und Akzeptanz geht.

    • Freue mich, wenn du dir die Leseprobe gönnst und bin gespannt, wie es sprachlich bei dir ankommt. Ein schönes Lesewochenende dir!

    • Liebe Iris,

      inzwischen habe ich Lese- und Hörprobe (deutsch und englisch) durch und bin noch immer am hadern, in welcher Form ich diese Geschichte erleben will/ kann. Die Denk- und „Argumentations-„Weise von David Granger ist schon nicht ohne … In der Tat ist es so, dass ich aus meiner alten Heimat diese Weltsicht und diese Ausdrucksweise gut kenne – genau das, fürchte ich, wird es mir aber vermutlich schwer machen, beim Selber-Lesen durchzuhalten, denn es zerrt schon an der eigenen Kraft und den Nerven, solchem Gerede lange Zeit zuzuhören (auch oder gerade dann, wenn man weiß, dass diese Person viel mehr und viel Positiveres zu bieten hat). Daher dachte ich, ich probiere es mit dem Hörbuch – hier waren mir aber die Vortragsweisen zu seicht/ zu lapidar für das, was in David Grangers Kopf vorzugehen scheint. Aber ich möchte dieses Buch unbedingt lesen, gerade weil es so authentisch ist … Vielleicht brauch ich nur etwas Zeit, bis ich dazu bereit bin …

      Viele Grüße und einen wunderbaren Sonntag!
      Kathrin

    • Ha, ha, der Autor ist wirklich gut, wie ich sehe. Ich denke, du MUSST das lesen! Auf den ersten Blick scheint es ja so, dass David Granger voll der republikanische Rassist ist … aber wenn du dann liest, was er so den ganzen Tag tut, mit welchen Leuten er sich umgibt, dann wird eines klar: Niemand darf/ soll jemanden aufgrund des ersten (äußeren) Eindrucks vorverurteilen. Deswegen finde ich dieses Buch wirklich toll.
      Allerdings ist der Stil sicherlich nicht für jeden geeignet. Mir hat er megagut gefallen, ich mag diese unpoliert wirkenden, schnörkellosen „Frei-nach-Schnauze“-Texte.

      Ich denke, warte ab, manchmal passt ein Buch gerade nicht zu einem und ein anderes Mal ist es genau das richtige. Schönen Sonntag dir!

  • Liebe Iris,

    wie ich dir ja schon auf Instagram erzählt habe liebäugle ich mit dem Buch schon seit ich es bei Karla entdeckt habe, aber deine Rezension hierzu gibt für mich den Ausschlag. Ich möchte es auch unbedingt noch lesen.
    Ich weiß zwar noch nicht, ob ich mich so gut auf dieses Buch einlassen kann, aber ich möchte es trotzdem gerne probieren. Liebesgeschichten sind ja recht und schön, aber zwischendurch darf es dann doch mal was anderes sein.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende 🙂
    Alles Liebe
    Corinna

    • Liebe Corinna, lies unbedingt die Leseprobe vorher. Der Stil ist wirklich sehr eigen und nicht jeder Leser wird damit vermutlich glücklich. Falls du es lesen solltest, wünsche ich dir viel Spaß dabei und hoffe, dich wird es ebenso gut unterhalten und nachdenklich werden lassen wie mich.
      Schönen Sonntag dir! Liebe Grüße, Iris

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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