Ein Jugendbuch über die Gefährlichkeit rechter Regierungsparteien und das aktuelle Flüchtlingsthema, das mir leider viel zu eindimensional ist. Was erzählt wird, ist genau das, was wir eh alle befürchten und erahnen. Ohne Überraschungen, ohne vertiefende Themaaufarbeitung.


Wenn Fiktion auf Realität trifft

W

ir werden sie jagen. Und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Das war die erste Reaktion von Alexander Gauland am Sonntag, nachdem die AfD drittstärkste Partei Deutschlands geworden ist. So die Realität.
Auch im Jugendbuch „Endland“ von Martin Schäuble wird gejagt und das Land und das deutsche Volk „zurückgeholt“.
Erschreckende Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Die Wahlen, der Sieg der Nationalen Alternative, die Jagd auf politische Gegner, die Abschottung.
Zitat aus dem eBook, Pos. 81

Deutschland ist dicht

Eine Mauer. Riesig muss sie sein, denn sie umgibt ganz Deutschland. Hinter „der acht Meter hohen Betonwand“, bei der obenauf noch Stacheldraht verläuft und an Polen grenzt, bewachen Anton und Noah die Grenze. Mit scharfer Munition, Nachtsichtgerät und Drohnenhilfe, machen sie Jagd auf Invasoren, wie die Flüchtlinge genannt werden.
Der Alarm geht mitten in der Nacht los und Antons Finger zuckt am Abzug. Dann entdecken sie die Invasoren, die alle in eine Richtung laufen. „Femije“ ertönt es durch die Nacht.
Femije heißt Kinder.

»Okay, es waren Kinder dabei. Na und?«, frage ich. Noah schweigt. »Die sehen niedlich aus. Aber davon dürfen wir uns da draußen nicht täuschen lassen. Die gehören nicht hierher. Nicht zu uns. Die sprechen eine andere Sprache. Kommen aus einer anderen Kultur. Fertig.«
Zitat aus dem eBook, Pos. 784

Für Anton macht es keinen Unterschied, ob er „Femije“ jagt, Männer oder Frauen. Er steht voll hinter der Nationalen Alternative, will nach dem Wehrdienst bei der Bundeswehr bleiben, sein Land vor den Invasoren schützen. Selbst nach der Privatisierung der Arbeitslosenhilfe, die auch seine Mutter betraf, steht Anton voll und ganz hinter der rechten Partei. Für ihn sind alle Flüchtlinge entweder „syrische Gotteskrieger, irakische Massenmörder, stehlende Afrikaner“ oder „albanische Betrüger“.
Noah hingegen ist gegen die rechte Regierung, will Flüchtlingen Schutz gewähren, die Klimakatastrophe verhindern, den Atomaustieg schaffen. Er hält Deutschland für ein „Endland“, eine Sackgasse, die die Nationale Alternative geschaffen hat.
Und trotz dieser unterschiedlichen Ansichten sind Noah und Anton Freunde.

5000 Kilometer entfernt begegnen wir Fana. Die Äthiopierin will Medizin studieren, jobbt in einem Krankenhaus, natürlich unterbezahlt, und unterstützt mit ihrem Gehalt ihre arbeitslosen Eltern. Eine deutsche Ärztin, die – natürlich – die Welt retten will, rät ihr auszuwandern. Nach Deutschland. In das Deutschland, das dicht ist.

»Als Äthiopierin hast du keine Chance. Verhungern ist kein Asylgrund. Verhungern darf man.« »In Eritrea hungern sie doch auch.« »Ja, aber eben nicht nur. Dort herrscht ein Diktator.« »Wenn ich verhungere, weil ein Diktator daran Schuld hat, dann zählt das mehr, als ohne Diktator zu verhungern?« Karla nickt.
Zitat aus dem eBook, Pos. 713

Da sie in ihrem Heimatland keine Perspektive hat, wagt sie die gefährliche Reise nach Deutschland, wo sie auch auf Anton trifft.

Der Wolf im Schafspelz

Anton hat inzwischen einen Spezialauftrag von der Nationalen Alternative bekommen. Als ukrainischer Flüchtling getarnt, schleust er sich unter die Invasoren. Im Kühlwagen, in dem beinahe 71 zusammengequetschte Flüchtlinge ihr Leben verlieren, trifft er auf Fana.

Okay, ich bin sauer, richtig sauer auf den Typen und auf Stahlke – wie konnten die mich bloß in eine solche Situation bringen? Das war ein Viehtransport! Wobei bestimmt nicht mal Tiere in Deutschland so transportiert werden dürfen. Ich hätte draufgehen können! Oder hätten sie mich rechtzeitig rausgeholt? Ich hätte in den Deal erst gar nicht einschlagen dürfen. Mich als Flüchtling auszugeben, um mich so unbemerkt ins letzte Aufnahmelager einzuschleusen – das ist doch verrückt.
Zitat aus dem eBook, Pos. 1661

Beide landen in einem Auffanglager und zum ersten Mal sieht Anton, wie das Leben in einem solchen Lager ist, was er sich ganz anders vorgestellt hat. Und zum ersten Mal hört er die Lebensgeschichte von Flüchtigen, so dass er sich und seine Einstellung ändert. Aber natürlich soll Anton im Lager „keine ruhige Kugel schieben“, sondern die Nationale Alternative hat etwas ganz Besonderes geplant: Sie will demonstrieren, wie gefährlich Flüchtlinge wirklich sind. Und „der Flüchtling“ Anton soll dabei der Hauptakteur sein.

Schwarz, weiß, nichts dazwischen

Das Thema ist hochaktuell, doch für mich leider viel zu schwarz-weiß gemalt. Entweder ist die Figur ein Gutmensch wie Noah, oder ein böser Mensch, der voll hinter den Machenschaften der Nationalen Alternative steht.
Auch wenn Anton sich im Laufe der Handlung wandelt, so geschieht dies viel zu geradlinig, denn seine vormals harten Einstellungen den Flüchtlingen gegenüber, weichen nach und nach ohne Gegenwehr.
Und auch die Flüchtlinge sind mir zu eindimensional. Alle gut. Natürlich. Riskieren ihr Leben für das Leben anderer, helfen sich gegenseitig, und auch die kulturellen Unterschiede machen keinerlei Probleme. Na klar.

Was mir fehlt sind die Zwischenfarben. Die echten Probleme untereinander, die die man eben nicht erahnen kann. Die Reibungen zwischen den Flüchtlingen, die ja menschlich nachvollziehbar wären, und auch die Reibungen zwischen den Anhängern der Nationalen Alternative, denn nicht alle Wähler wollen die Abschottung, viele wählten – wie in der Wirklichkeit auch – aus Protest diese Partei und haben die Augen vor den Folgen verschlossen. Aber genau solche Protestwähler kommen gar nicht vor. Das Erwachen wäre doch interessant gewesen. Und eine wichtige Warnung an die Wirklichkeit.

»Viele Deutsche wollten bei den letzten Wahlen zwar Grenzen und Soldaten, also den starken Staat. Und sie wollten so wenige Flüchtlinge wie möglich aufnehmen … Doch sie wollen nicht zu Mördern werden. Und sie wollen niemanden auf diese Art raushassen.«
Zitat aus dem eBook, Pos. 2479

Auch die Nationale Alternative wird zwar ungeschönt, aber eindimensional böse dargestellt. Diese Schwarz-Weiß-Malerei ist für mich aber genau das, warum jede Debatte ins Leere läuft. In echt und in fiktionalen Geschichten.
All das fehlt. Was erzählt wird, ist das, was wir uns alle eh vorstellen und denken. Das finde ich schade, besonders dann, wenn ich sehe, wie viel Rechercheaufwand sich der Autor genommen und dabei anscheinend keine Details gefunden hat, die das Thema voranbringen, neu bewerten oder uns eine Debatte aus einem anderen Blickwinkel ermöglichen.
Schade.

Die Widmung am Ende will ich euch nicht vorenthalten, denn sie drängt dieses Thema regelrecht auf den Tisch, weil mehr Dringlichkeit wohl nicht mehr möglich ist:

In diesem Buch wird die Flucht von 71 Flüchtlingen in einem Kühllaster beschrieben. Sie überleben diese Flucht nach Deutschland – in meinem Roman. In Wahrheit taten sie es nicht. Ihnen ist Endland gewidmet.
Zitat aus dem eBook, Pos. 3107

Fazit

Martin Schäuble greift mit „Endland“ ein aktuelles Thema an: Die Gefährlichkeit einer rechten Regierungspartei in Deutschland. In seinem Buch bringt er einen Anhänger der Nationalen Alternative und Flüchtlinge zusammen, und sorgt dafür, dass sich die Einstellung gegenüber der Hauptfigur zu den „Invasoren“ ändert.
Doch leider gibt es keine Details, die dem Leser neu wären, die den Leser zum Vertiefen der Thematik und Problematik anregen. Denn all das, was im Buch erzählt ist, ist genau das, was die meisten von uns befürchten, erahnen oder eh schon gelesen haben.
Endland bringt leider nichts Neues.

Eine Jugenddystopie, die leider nicht über den Tellerrand hinauskommt.

Bewertung: 3 von 5 Lesebrillen!

Martin Schäuble: Endland
Martin Schäuble: Endland

Bibliografische Angaben:
ENDLAND | MARTIN SCHÄUBLE
Erschienen am 24.07.2017 im Carl Hanser Verlag ⇔
Aus dem Deutschen
Einzelband
ISBN: 978-3-446-25702-3
224 Seiten
Jugendbuch ab 14 Jahre


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3 Kommentare

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  • Liebe Iris,

    oh wie schade. Ich hatte mir wirklich etwas von diesem Buch versprochen, aber ich brauche nichts, was wie ein Tatsachenbericht aneinandergereiht wird und in eine Geschichte mündet, die jeder von uns bereits kennt.

    Ich verzichte also und sage Danke für deine Besprechung.

    Liebe Grüße

    Anja

    • Hallo Anja,
      das Buch liest sich gut, wie ein Unterhaltungsroman halt. Ich bin vor allem enttäuscht, weil ich mir von dem Autor, der Politikwissenschaften studiert hat, als Journalist arbeitet, und einen großen Rechercheaufwand betrieben hat, einfach mehr erhofft habe. Details, die man eben nicht kennt. Aber davon gibt es nichts im Buch, sondern eben nur das, was man eh schon irgendwo gelesen hat. Das finde ich schade, denn so wird das Thema nicht vertieft, sondern nur das erzählt (verpackt in einen Thrillerplot), was man schon weiß.
      Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende dir!

  • Schade, bei so einem brisanten Thema und der Ausgangslage, hätte das Buch richtig reinhauen können. Aber dein beschriebenes S/W hätte mcih wohl auch gestört. Denn das ist nicht die Realität. Und zudem noch vor dem Hintergrund, dass dies ein Jugendbuch ist und eigentlich direkt zur Aufklärung diesen kann.
    Danke für die Kritik 🙂

Die Leserin - Literarisch kriminell veranlagter Buchblog.

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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