Ein Thriller wie aus einem Lehrbuch. Souths Nachbar wird ermordet und der Hauptverdächtige ist ausgerechnet der Mann, der wegen dem Mord an Souths Vater im Gefängnis saß. Doch auch der Streifenpolizist South selbst hat viel zu verbergen, denn auch er ist ein Mörder. Ein guter Mörder, den man nur noch nicht gefasst hat.


W

as haben Rohrweiler, Waldwasserläufer, Kiebitze und Bussarde gemeinsam außer Federn, Schnäbel und Flügel?
– Denselben Beobachter. William ‚Bill‘ South. Ein Streifenbulle in Ashford, der nicht nur seine Vogelbeobachtungen inklusive Zeit, Ort, Witterung und äußere Gegebenheiten ins kleine Polizeinotizbuch einträgt, sondern auch alles andere, was ihm so auffällt. „3 Männer, 2 Frauen? 10 Uhr 10, kein Regen.“
Das macht ihn ja gleich mal sympathisch, denn diese Notizbuchliebe haben wir gemeinsam. In meinem steht …
Montag, 11. September 2017, 20:24 Uhr, erste Sätze aus „Der gute Mörder“:

Es gab genau zwei Gründe, warum William South nicht ins Mordermittlerteam wollte.
Zum einen war Oktober: Die Zugvögel erreichten die Küste.
Zum anderen war er selbst ein Mörder – auch wenn das niemand wusste.
Zitat aus dem Buch, S. 7, Erste Sätze

Ob hier auch Möwen, Sperlinge und Krähen vorkommen? So a la Alfred Hitchcock? Vorsichtshalber lasse ich mal die Jalousien runter.

Wie ein Vogel, der aus seinem Nest gefallen ist, strandete South als Dreizehnjähriger in dieser unwirtlichen, platten Gegend Dungeness mit stiller See, verwitterten Häusern, breiten Kiesstrand und einem Atomkraftwerk als Nachbarn.
Ach ja, und aktuell einem toten Nachbarn. Denn sein Freund, Vogelbeobachter Nummer 2, Bob Rayner liegt ziemlich zermatscht und noch mehr tot in der Holztruhe in seinem Haus.
Zumindest kann man durch die Lage der Leiche die Vögel als Tatverdächtige ausschließen. Also kein Hitchcock-Nachahmungstäter.

Ein zweiter Erzählstrang entführt den Leser weg von den Vögeln, zurück in die Vergangenheit ins 1978er Jahr. South, damals 13 und Billy McGowan genannt, lebt in Nordirland mitten im Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken. Damals war es ganz normal, dass irische Flaggenmänner Katholiken vermöbelten. Warum Billy – South – und seine Mum es den Zugvögeln gleich machten, wird nach und nach häppchenweise schnabelgerecht verteilt.

Wenn Protestanten auf Katholiken losgehen, ist das eine Sache. Daran haben wir uns gewöhnt. Aber wenn Protestanten aufeinander losgehen, ist das noch mal was anderes.
S. 143 aus dem Buch

Zurück nach Dungeness. Dem eigentlichen Tatort.
Auch Detective Sergeant Alexandra Cupidi ließ sich in die Ashford Police Station versetzen. Sie leitet den Mordfall und startet mit ihrer Tochter Zoe einen Neuanfang in dem Kaff. Wie ein aufgescheuchtes Huhn versucht sie ihre Tochter vor Greifvögel zu schützen, doch der Job stiehlt viel Zeit und so kümmert sich South um das Mädchen, das ihn natürlich – tada! – zu Vogelbeobachtungen begleitet.
Da South aber mit dem Ermordeten befreundet war, die Gegend und die Leute kennt, greift Cupidi immer wieder auf ihn zurück, so dass er selbst als Streifenpolizist den Fall hautnah miterlebt. Bis ihn die Vergangenheit einholt. Und natürlich der Täter. Ist ja ein Thriller!


„Sauber“ ist das erste Wort, das mir zu diesem Thriller einfällt. William Shaw wechselt die zwei Erzählstränge sehr geordnet. Erst im Hier und Jetzt in Dungeness, danach ein Blick zurück in die Vergangenheit nach Nordirland. Immer abwechselnd. Wie ein stetiges Auf- und Abtauchen, jetzt, vorher, jetzt, vorher. Auch der Plot steuert sauber auf einen Höhepunkt zu.
Die Figuren sind vielleicht charakterlich nicht sauber, denn so alle haben irgendwas zu verbergen, aber dennoch sauber charakterisiert. Shaw mit seiner Last, Cupidi mit ihrem Geheimnis, das erste Opfer Rayner mit Verborgenen, der Verdächtige mit seiner Vergangenheit, … Wie gute Menschen mit Lasten, ganz so wie es im Lehrbuch steht.
Auch sprachlich liest sich der Thriller allgemeinverständlich, keine zu lange Sätze, keine zu kurzen, keine besonderen Ausdrücke, sondern perfekt einfach gehalten für das breite Publikum. Also auch sauber gemacht. Alles blitzblank bis auf die blutigen Tatorte, die wir in Thriller aber gewöhnt sind.
Und da wären wir auch bei meinem Punkteabzug.

Seien wir ehrlich. So Nistplätze sind nämlich alles andere als sauber. Da ist alles vollgeschissen, Federn wirbeln über den Boden und es stinkt.
Dungeness scheint ja ein guter Nistplatz für gute Thriller und gute Mörder zu sein, nur leider werden hier für meinen Geschmack zu wenig Federn gelassen. Da hätte es ruhig etwas holpriger und rauer zugehen können, mehr dreckig, weniger sauber. Immerhin versammeln sich hier Ex-Knasti, Drogenkuriere und gute Mörder.
William Shaw hat einen – für mich – Bilderbuchthriller, wie er im Lehrbuch steht, geliefert. Und das ist genau mein Problem. Mir fehlt nämlich das Besondere.

Fazit

William Shaw hat mit „Der gute Mörder“ einen sauberen Thriller geschrieben. Es passt einfach alles, blitzblank ist der Aufbau, der zwischen zwei Erzählsträngen sehr geordnet wechselt. Seine Figuren haben alle etwas zu verbergen, seine Sprache ist allgemeinverständlich, der Thrillerinhalt überschaubar, aber ohne zu langweilen, und dadurch für das breite Publikum geeignet.
Und doch hat er für mich zu wenig Federn gelassen. Mir fehlt das Besondere an diesem Thriller, das was für mich als „typisch Shaw“ zählen würde. So aber ist er einer von vielen Thrillern in meinem Regal. Leicht wie eine Feder.

Ein Thriller wie aus dem Lehrbuch, leicht wie eine Feder.

Bewertung: 3 von 5 Lesebrillen!

William Shaw: Der gute Mörder
William Shaw: Der gute Mörder

Bibliografische Angaben:
DER GUTE MÖRDER | WILLIAM SHAW
Erschienen am 11.09.2017 im Suhrkamp Verlag ⇔
Aus dem Englischen
Übersetzer: Christiane Burkhardt
Originaltitel: The Birdwatcher
Einzelband
ISBN: 978-3-518-46783-1
347 Seiten


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3 Kommentare

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  • Es ist wunderbar, wenn alles strukturiert erscheint, sauber, verständlich, gegliedert. Doch wir wollen das Außergewöhnliche, unbestechliche Besonderheiten und reichlich Thrill.

    Schade.

    Tolle Rezension, liebe Iris.

    Viele Grüße

    Anja

    • Hallo liebe Anja,
      vielen lieben Dank für das fleißige Kommentieren! Ich freue mich jedes Mal riesig!

      „Der gute Mörder“ eignet sich wohl eher für Thriller-Einsteiger oder Leser, die nur ab und zu zu Thrillern greifen. Für die ist es sicherlich das richtige Buch und ein Lesegenuss. Denn Shaw hat das wirklich gut gemacht. Objektiv wäre es eine 5-Sterne-Wertung von mir gewesen. Aber ich bin ja nicht objektiv 😉 hier.
      Für uns Thrillerinhaltoren fehlt – für mich jedenfalls – tatsächlich das Besondere. Wir haben ja schon so viel gelesen, und sicherlich ist es schwierig uns zu überraschen, sodass wunderbar strukturierte Bücher – und seien sie noch so gut gemacht – im besten Fall nicht langweilen.

      Tja, irgendwie nimmt der Anspruch mit all den Jahren einfach zu. Danke dir, liebe Grüße, Iris

      PS: Überlege gerade, ob ich bei den Plattformen (LB, Amazon, …) künftig vielleicht nach objektiverer Bewertung werten soll und nur hier subjektiv bleibe. Na, das muss ich mir wirklich überlegen.

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

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