Ein unterhaltsamer Rachethriller, der stellenweise hart zur Sache geht, bei dem aber die große Klappe der Hauptfigur für ein gewisses Schmunzeln sorgt. Wer keinen großen Stellenwert auf Glaubwürdigkeit legt, wird mit Tuesday Falling gut unterhalten.


Ein guter Mix, der das unterirdische gute Böse auf eine Stadt loslässt

D

ie bösen Bösen. Gangs. Kleine Jungen, die eine „Lebenserwartung von Spatzen“ haben und sich wie amerikanische Gangstas fühlen. Prostitution und Vergewaltigung. Große Jungen, die glauben es mit kleinen Mädchen aufnehmen zu können. Drogen und Menschenhandel. Noch größere Jungen, die sich kleine Jungen zum Verfüttern halten.
Damit muss es ein Ende haben. Wenn es nach Tuesday geht.

Kein Dienstag …

… denn Tuesday schlägt an jedem Wochentag zu. Wie ein Bulldozer hebelt die 17jährige kleine und große Jungs aus. Schnell, effizient, als hätte sie das Töten gelernt. Wie ein Genie verschafft sie sich Waffen, technisches Know-How, Überwachungstechnik. Wie ein Geist schlägt sie zu und stiehlt sich vom Tatort wieder weg.
Tuesday. Ein Name, den man sich merken muss. Denn Tuesday handelt übermenschlich. Unglaubwürdig finde ich sie, das Mädchen, das so viel durchgemacht hat, traumatisiert sein müsste, unfähig am Leben teilnehmen zu können. Unfähig ist sie, denn sie lebt abgeschieden, zieht sich zurück, bis sie als Rachegöttin unter dem düsteren Himmels Londons erscheint und knallhart die bösen Jungs eliminiert.

DI Loss. Ein Mann, der alles verloren hat, zuletzt seine Tochter. Ein Mann, der nach Tuesday jagt, die London in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Ein Mann, der mit dem Tod seiner Tochter konfrontiert wird. Schon wieder, denn Tuesday ist nicht nur die Rachegöttin der Opfer, sondern lässt Loss‘ Tochter scheinbar wieder lebendig werden.

Oben. Unten. Mittendrin.

Unten. Über vierzig stillgelegte U-Bahn-Stationen in London, wie eine unterirdische, verlassene, vergessene Stadt in der Stadt. Ein Tunnelsystem, das Hasch-Farmen beherbergt, Geheimgaragen für geklaute Luxusschlitten bietet, Lager für die Londoner Unterwelt bereithält. Eine Welt, die vor den Augen der Bewohner verschlossen bleibt. Wie auch das Milieu, das Tuesday aufwirbelt, das meist im Verborgenen agiert, im Dunkel lebt, über das man als Ottonormalbürger gerne hinwegsieht und so tut, als hätte man nix gesehen. Passend, oder?

Oben. „Leben in einem Kriegsgebiet“. Eine Siedlung, in der über ein Dutzend Sprachen gesprochen werden, aber wo jeder nur zwei versteht: „Angst und Macht“. Doch der Spieß dreht sich, als Tuesday sich an den bösen Jungs rächt und die Bewohner sich zusammenrotten, sich zur Wehr setzen, Blut für ihre Opfer fordern, Tuesday als die Rachegöttin anhimmeln. Glaubwürdig ist die Wendung der Opfer und der Angehörigen, so in der Masse fühlt man sich halt stärker und ist eher bereit, die Opferrolle zu verlassen und nötigenfalls selbst zum Täter zu werden.

Mittendrin. Vergewaltiger, die flüchten, denn Tuesday metzelt sie nicht einfach nur nieder, sie sorgt auch dafür, dass selbst die Mamis der bösen Jungs von den bösen Taten erfahren und diese Mamis die bösen Jungs durch die Straßen jagen, durchs Leben, hinweg, hinfort. Eine Stadt im Ausnahmezustand, Opfer, Mütter, alle gehen auf die Straße. Und sie feiern Tuesday.

Der Schaden, den Tuesday den traditionellen Machtstrukturen zugefügt hat, zerstört allmählich die natürliche Ordnung der Dinge. Die Menschen verlieren den Respekt; sie haben nicht mehr so viel Angst, wie sie haben sollten. Und Menschen, die sich vor einer bestimmten Sache nicht mehr fürchten, fürchten sich bald auch vor einer ganzen Reihe von Sachen nicht mehr und sind dann nur noch schwer lenkbar.
Zitat aus dem Ebook, Pos. 1852


Wenn Jäger zu Gejagten werden, sorgt dies immer für ein bisschen Erheiterung. Denn mal ehrlich, so richtig leid tun einem die bösen Jungs nicht, wenn sie von kleinen Mädchen so richtig in Angst und Schrecken und in den Tod gejagt werden. Im Gegenteil, das sorgt ein wenig für Schmunzelfaktor. In Geschichten jedenfalls.
Teilweise schreibt Stephen Williams auch zum Schmunzeln. Obwohl es hier ein Rachethriller ist, kommentiert Tuesday die Bad Boys, als „Muttersöhnchen mit der geistigen Kapazität eines undichten Sandsacks“ und eines IQs, der beim Zusammenzählen noch „unter ihrer Schuhgröße“ bleibt, immer wieder mit einem Augenzwinkern. Nur leider passt das gar nicht zu einer traumatisierten 17jährigen, die durch die Hölle gegangen ist und bei der das Fegefeuer noch längst nicht erloschen ist. Ich weiß nicht, aber so Traumapatienten haben wohl keinen Sinn für Humor. Vor allem nicht für Peiniger. Viel zu locker trampelt Tuesday über die Verbrecher hinweg, hält die Polizei an der Leine und überhaupt: Sie muss eine Göttin sein. Übermenschlich.

Unglaubwürdig finde ich die Hauptfigur Tuesday. Wie eine Superheldin mit Superkräften bringt sie Unordnung und reichlich Blut in die Londoner Unterwelt. Technisch scheint sie ein Genie zu sein, denn sie weiß alles über jeden und noch viel mehr. Körperlich scheint sie außerirdisch zu sein, denn obwohl Bad Boys körperlich und erfahrungsmäßig bei Gewalt einem 17jährigen Mädchen mit Sicherheit überlegen sind, zerhäckelst sie sie wie Fallobst in der Presse. Einfach so. Schnipp. Schnapp. Rübe ab.
Superhelden mochte ich früher. Im Kindergarten. Aber spätestens seit ich vom Zeichentrick auf Bücher umgestiegen bin, gibt es keine Superhelden mit Superkräften mehr, denn Menschen sind keine Superhelden, nur Figuren können so heldenhaft die Welt retten. Und da auch nur die, die eben nicht gut gemacht sind, die übermenschliche Superkräfte mitbringen. Und mit Figuren, die man nicht ernst nimmt, die nicht lebendig wirken, kann man weder mitleiden noch mitfiebern.
Somit liest man das Buch emotionslos.

Unruhig und undurchdacht wirkt die Erzählweise. Anfangs wechseln die Perspektiven zwischen DI Loss und Tuesday, wobei Szenenausschnitte aus beiden Perspektiven gezeigt werden. Dann fallen diese Szenenwiederholungen weg, dafür kommen andere Perspektiven dazu, dann wieder gibt es Szenenwiederholungen.
Da fehlt ein Muster, was beim Lesen für Unruhe sorgt anstatt für Lesegenuss.

Einzig das Setting unterstreicht das Thema gekonnt. Wie oben schon erwähnt, spiegelt das Tunnelsystem unter London das wieder, was oben passiert. Unter den Teppich gekehrte Taten, vergessene Opfer, dunkle Typen, vor der Öffentlichkeit verborgenes Milieu. Das hat er wirklich gut gemacht, der Herr Williams.
Auch die Situationsänderung in der Siedlung wirkt glaubwürdig und gut umgesetzt, wenn plötzlich die ängstlichen Bewohner sich zusammenrotten und einen Ausnahmezustand fabrizieren. Und dafür andere, die von dieser Angst leben, unruhig werden.

Fazit

Auch wenn der Thriller bei mir nicht für den puren Lesegenuss sorgte, so ist er vielleicht für Leser etwas, die gerade in den Thrillerbereich reinschnuppern, die einfach nur unterhalten werden wollen, die auf Glaubwürdigkeit keinen hohen Stellenwert legen.
Denn unterhaltsam zu lesen ist er. Oder sie. Die Geschichte von Tuesday.

Unterhaltsamer Rache-Thriller für anspruchslose Leser.

Bewertung: 2 von 5 Lesebrillen!

Stephen Williams: Tuesday Falling
Stephen Williams: Tuesday Falling

Bibliografische Angaben:
TUESDAY FALLING – Deine Zeit ist gekommen | STEPHEN WILLIAMS
Erschienen am 01.10.2017 im beTHRILLED – Bastei Entertainment ⇔
Aus dem Englischen
Übersetzer: Thomas Schichtel
Einzelband
ISBN: 9783732538713
395 Seiten

Das Rezensionsexemplar wurde von netgalley.de ⇔ bereitgestellt.


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