Wenn man über ausgebrannte Autowracks stolpert, zwischen Staub und Asche nur Leere findet und von hungrigen Mitmenschen am liebsten als Vorspeise angesehen wird, dann ist man mitten in einer Dystopie gelandet. Doch leider konnte mich der erste Band von „Ödland“ trotz rauer, brachialer Härte nicht überzeugen.


Im Ödland

W

irklich einladend für Dystopie-Fans, dieses Land, das sich von einer Katastrophe, die sich vor Jahrzehnten ereignet hat, so gar nicht erholen mag. Noch immer sind Asche und Staub, bestialisch stinkender Smognebel, Unmengen an ausgebrannten und dahinrostenden Autowracks die wenigen Sehenswürdigkeiten, die die „Stille und Zerstörung“ unterbrechen.
Allerdings würde man nicht wollen, dass diese Leere menschlichem Kontakt weicht. Denn die Menschen im Ödland sind Wilde. Kreaturen, die jede Menschlichkeit verloren haben, die anderen schon mal die Zunge abbeißen, deren Verzweiflung und Hunger mit purer Brutalität gestillt werden.
Das ist das Ödland. Herzlich willkommen! Oder auch nicht.
Leider ist das Setting für mich zu einfach gestrickt. Eine Masche rechts, ein zerstörtes Land, eine Masche links, jeder kämpft für sich ums Überleben auf Kosten aller anderen. Überraschend ist das Ödland auf dystopieerprobte Leser nicht. Schade.

Unten im Keller

Ein zweiter Handlungsstrang führt tiefer. Tief unter eine Universität, in einen Keller, in der sich ein paar Wissenschaftler, ein paar Erwachsene und ein paar Kinder seit Jahrzehnten verstecken.
Auch wenn es hier viel gesitteter zugeht als oben im Ödland, so spitzt sich die Lage da unten bald zu. Denn so langsam müssen sie aus ihrem Loch kriechen, wenn sie weiterhin überleben wollen und ein wichtiges Ersatzteil besorgen.
Ein Wunder, dass sie überhaupt so lange durchgehalten haben. Nahrungsmittel, elektronische Versorgung, Belüftung, … für Jahrzehnte … für mehrere Menschen? Das geht wohl nur fiktional.
Überhaupt darf man hier nicht alles so genau nehmen, denn so richtig glaubwürdig ist es da unten im Dunkeln nicht. Und auch hier konnten mich leider weder die Handlung noch die Figuren überzeugen. Wenn ich an gelesene Bunkergeschichten denke, in denen unterschiedliche, sich fremde, Menschen auf einen engen Raum für eine längere Zeit zusammenrotten müssen … bumm. Im Keller des Ödlands läuft es aber relativ ruhig ab. Für meinen Geschmack leider zu ruhig. Keine Hierarchiekämpfe, keine Beklemmungsgefühle (okay, Mega hat ein wenig davon, aber nur so ein bisschen), keine zwischenmenschlichen Streitereien und Grabenkämpfe. All das wäre menschlich, all das wäre glaubwürdig. Die Ruhe zwischen ihnen ist aber einfach zu ruhig und dadurch zu unglaubwürdig und handlungsarm.

Zwei Welten, zwei Charaktere

Nicht nur das Ödland unterscheidet sich drastisch vom Keller, sondern auch die Bewohner von oben und unten sind total unterschiedlich.
Oben ist ein Mann unterwegs. „Der Name des Mannes, der versuchte seinen Namen zu vergessen, war Hagen. Einen Nachnamen besaß er nicht.“ (Zitat aus dem Buch, S. 12)
Hagen nimmt eine gut getarnte Moorsiedlung ein und zeigt seine grausame Seite. Seine Soldaten foltern Männer und Frauen, sammeln Brustwarzen oder beißen Zungen ab. Rau ist für das Leben hier mega untertrieben und die Frage, ob man hier wirklich überleben möchte, werden wohl nur wenige mit „ja“ beantworten. Jeder Tod scheint da erbarmungsvoller. Das Ödland sollten nur hartgesottene Leser betreten. Zutritt auf eigene Gefahr ;-).
Und doch kommen diesem Hagen Zweifel auf, etwas, was mich neugierig auf den zweiten Band macht. Dieser Widerspruch, den er in sich herumträgt, der spürbar ist, der Fragen aufwirft, ist für mich das große Plus in diesem Buch.
Schuld für Hagens neue Unsicherheit ist ein Mädchen, dass wir eigentlich aus dem Keller kennen: Mega.
Mega ist anders. Nicht nur ihr blauer Stern auf der Wange hebt sie von den anderen ab, sondern sie hat etwas Wildes in sich, etwas Unbändiges, Spontanes, das hoffentlich im zweiten Band mehr zum Ausdruck kommt. Sie ist auch die Einzige, die von außen in den Keller gelangt ist. Und die einzige Frau, die wieder außen gelandet ist und noch lebt. Leider wurde ich mit Mega nicht warm, ich litt mir ihr nicht mit, ich habe mich mehr für Hagen interessiert, der in diesem Zwiespalt gelandet ist.
Im Ansatz merkt man beiden Figuren an, dass sie hin- und hergerissen sind. Einerseits sorgen sie für ihre Gruppe, andererseits opfert Hagen seine eigenen Männer ohne Mitleid, wenn es sein muss. Und auch Mega bemerkt Züge an ihr, die sie selbst überraschen, leider nicht mich als Leserin.

Sprachlich zu viel gesagt, zu wenig gezeigt

Auch sprachlich konnte mich „Ödland – Der Keller“ leider nicht ganz überzeugen. Vieles wird gesagt, zum Beispiel Charakterzüge, die man als Leser lieber durch das Handeln der Figuren gezeigt bekommen würde:

„Sie war wild, würde gern schreien und toben. Einmal laut sein dürfen, das war es, wonach sie sich sehnte. Was sie tat, war Selbstgeißelung.“
Zitat aus dem Buch, S. 69

Zwar wird sie immer wieder von den anderen als unzuverlässig abgestempelt, und einmal handelt sie auch spontan nach ihrem Kopf, aber ansonsten hat sie mehr etwas von etwas gezähmten Wilden, besonders im Vergleich zu den Horden der Ödnisbewohner. Aber vielleicht kommt das ja noch im zweiten Band?
Oder auch bei Hagen:

„Hagen wirkte gedankenverloren, abwesend, fast, als würde er trauern. Er schwieg beharrlich, gab keine Befehle, brüllte weder, noch feierte er. Er wirkte befremdet und verstört, als hätte er vor irgendwas Angst.“
Zitat aus dem Buch, S. 123

Auch hier hätte ich all dies lieber in einer aktiven Handlungsszene gesehen. Obendrein stimmt die Aussage auch gar nicht, denn nur wenige Zeilen weiter, führen Hagens Männer seinen Spezialauftrag durch. Er hat also doch befohlen.

Leider nicht meines

Jetzt weiß ich ja sehr wohl, dass ich manchmal eine nörgelnde Pingeltante bin. Und das ist wirklich ein schwerer Job, könnt ihr mir glauben. Denn es tut weh, nur zwei Sterne für ein Buch zu vergeben, dass einerseits aus einen meiner Lieblingsgenres stammt, zum anderen wirklich hübsch gedruckt ist (sogar mit Verzierungen auf den Innenseiten) und nicht zuletzt: Weil der Autor einer von der ganz netten, ausdauernden Sorte ist und ich ihm wünsche, Erfolg zu haben. Denn so Dystopieautoren müssen wir Leser ja hegen und pflegen, da ist es in den letzten Jahren ziemlich ruhig geworden.
Auch wenn es heute nur zwei Sterne gibt, lese ich auch den zweiten Band noch. Denn einige von meinen angesprochenen Kritikpunkten könnten ja im zweiten Band hinfällig werden.

Fazit

Leider konnte mich „Ödland – Der Keller“ nicht so überzeugen, wie erwartet. Das Setting konnte mich nicht überraschen, dazu braucht es mehr als ein paar ausgebrannte Autowracks und Nahrungsknappheit. Mit der Hauptfigur Mega konnte ich keinerlei Verbindung aufbauen, nur Hagen hat mich ein wenig neugierig gemacht, weil er in einen inneren Zwiespalt gerutscht ist, dessen Ursache im ersten Band allerdings offen bleibt. Er ist auch der Grund, warum ich den zweiten Band dennoch lesen werde.

Leider eine Dystopie, die mich nicht überzeugen konnte.

Bewertung: 2 von 5 Lesebrillen!

Christoph Zachariae: Ödland - Erstes Buch - Der Keller
Christoph Zachariae: Ödland – Erstes Buch – Der Keller

Bibliografische Angaben:
ÖDLAND – ERSTES BUCH – DER KELLER | CHRISTOPH ZACHARIAE
Erschienen am 17.07.2015 im Lucid Dreams eBook Verlag ⇔
Aus dem Deutschen
Band 1 der Ödland-Reihe
ISBN: 978-3000501104
234 Seiten

Das Rezensionsexemplar wurde vom Autor Christoph Zachariae ⇔ bereitgestellt.


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6 Kommentare

Schreibe eine Antwort zu Sunsy Antwort abbrechen

    • Da haben unsere Meinungen ein paar Berührungspunkte gemeinsam. Vielen Dank für den Kommentar und die Erinnerung an meine ToDo-Liste, dass ich eigentlich meine Rezensionen mit anderen verlinken wollte. 🙂 Liebe Grüße dir!

  • Was? Oh nein! Ich habe gerade noch einmal meine Rezension von damals (was, echt 2013?) herausgekramt. Lustig ist, wir haben damals ebenfalls kurz über das Buch geschrieben und ich habe gesagt, du solltest es lesen. Damals dachte ich, es könnte dir gefallen. Nun sehen wir das Ergebnis und ich finde es schade, dass es nicht gänzlich überzeugen konnte. Ich bemängelte damals ebenfalls, dass noch Luft nach oben wäre und habe deswegen auch Punktabzug gegeben.

    Ich bin gespannt ob der zweite Band besser ist. Den habe ich (Asche auf mein Haupt) nämlich ebenfalls noch nicht gelesen.

    Gruß
    Annett

    • Hallo Annett!
      Es sind aber auch schon ein paar Jahre inzwischen ins Land gezogen und somit ein paar gelesene Dystopien dazwischen. Ich denke, wenn man viel liest, wird man mit der Zeit auch anspruchsvoller. 2013 habe ich – glaube ich – überhaupt erst mit Dystopien angefangen. Da wäre ich wahrscheinlich auch leichter zu beeindrucken gewesen.
      In Silo fand ich allerdings das Setting bombastisch (im Grunde lebt Silo überhaupt erst durch das Setting auf), hier war es mir einfach zu wenig. Aber wer weiß, wie ich damals vor Silo auf Ödland reagiert hätte?

      Liebe Grüße dir, Iris

      Der Link zu Annetts Rezension (die übrigens mit Interviewfragen aufgepeppt ist): http://reading-books.de/odland-i-der-keller/

      ToDo: Muss künftig das Verlinken zu anderen Blogs wieder einführen.

  • Liebe Iris,

    wie schön du deine Enttäuschung in Worte fast und wenn man die Zitate liest, weiß man sofort, wovon du sprichst.

    Dystopie sprechen mich nur selten an und diese absolut gar nicht.

    Liebe Grüße

    Anja

    • Danke, liebe Anja. Ich bin normalerweise der totale Dystopiefan, aber das hier, war halt nicht meines. Muss auch so sein, soll auch so sein, denn so bleibt es bei jedem Buch immer offen, ob es einem gefällt oder nicht. Sonst wäre lesen ja wohl langweilig. 🙂 Liebe Grüße, Iris

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Iris aka „Die Leserin“ bloggt hier seit September 2017 über Bücher, Neuerscheinungen, Literaturnews, eReading und SocialReading. Vorwiegend findet ihr hier Rezensionen zu Krimis, Thriller, Dystopien, zwischendurch auch zu zeitgenössischen Romanen und Jugendbüchern.

Blogmotto: Einfach. Gemütlich. Lesen. Und bloggen. 🙂

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